Exklusiv für Uncut
Emerald Fennell, die britische Regisseurin, die uns vor zwei Jahren mit „Saltburn“ eine fürwahr irre und furchtlose Geschichte über Klasse, Außenseitertum und Selbstermächtigung erzählt hat, widmet sich nun dem weltberühmten und einzigen Roman der ebenfalls englischen Autorin Emily Brontë, nämlich „Wuthering Heights“ (Sturmhöhe). Genauer gesagt dem Teil des Werkes, in dem es um Catherine und Heathcliff geht.
Wer die Prämisse nicht kennt: Heathcliff (als Kind Shootingstar Owen Cooper, später Jacob Elordi) wird als Sechsjähriger von Catherines Vater als Pflegekind auf dem heimischen Gut des besagten Namens aufgenommen. Catherine (später Margot Robbie) und er entwickeln eine enge Bindung und zunächst kindliche Liebe, die Catherine so beschreibt: „Whatever our souls are made of, his and mine are the same.“ Jahre später zwingen finanzielle Schwierigkeiten Catherine dazu, die Verbindung mit dem sachlich-faden Edgar Linton, der mit seiner Schwester Isabella in einem nahegelegenen Herrenhaus lebt, in Betracht zu ziehen.
Wie funktioniert das nun, uns quasi von den Nullerjahren in „Saltburn“, die mit viel Gespür für Lebensgefühl in Szene gesetzt wurden, ins tiefste 19. Jahrhundert zu entführen? Nun: Ziemlich gut. Fennell transformiert „Wuthering Heights“ mit erstaunlicher Lässigkeit in etwas sehr zeitgenössisches, ohne dabei den Geist der Quelle zu verraten. Robbie und Elordi, die eine ungeheure (erotische) Chemie miteinander haben, sind streng genommen zu alt für ihre Rollen, das irritiert einen aber nur kurz. Natürlich darf man sich keine klassisch-betuliche Literaturverfilmung erwarten. Im Roman gibt es beispielswese keine einzige Sexszene. Es gibt auch keine Szenen, in denen Catherine eine kleine getönte Brille trägt oder sich für eine Abendgesellschaft Perlen an die Wangen klebt. Fennell scheut, wie gewohnt, nie die ganz große Geste, auch nicht das Klischee: Heathcliff arbeitet vorzugsweise verschwitzt mit nacktem Oberkörper im Stall. Es macht ihr Spaß, die Kamera draufzuhalten, wenn es explizit oder unangenehm wird. Subtilität: Fehlanzeige.
Auch visuell ist das alles sehr faszinierend: Die Wucht der Bilder des Hochmoores, der dauernde Nebel und Regen, die alten Gemäuer, es ist alles so magisch und geheimnisvoll, dass man schier davon überwältigt wird. Bestechend das Set Design mit den vielen liebevollen Details, auch die der Kostüme, bis hin zu deren Farbgebung: Catherine trägt meist rot und weiß, Isabella hingegen ein, könnte man meinen, naives Gelb, mit ganz vielen Schleifchen und Rüschen. Die Musik kommt von der sehr heutigen Künstlerin Charlie XCX, ihre Songs wummern mit hypnotischer Kraft und Leidenschaft über auch so manche tatsächlich humoristisch-ironische Szene. Sie besingt die „Chains of love“ und lässt damit schon den Charakter der Besessenheit anklingen, die Catherines und Heathcliffs Beziehung hat.
Der Ton der literarischen Vorlage bleibt, wenn auch abgemildert, erhalten. Die unsympathischen bis problematischen Charakterzüge der Protagonisten werden dabei nicht ausgespart, die da wären: Catherines Streben nach Klasse und Reichtum, Heathcliffs Starrköpfigkeit, seine Neigung zur Impulsivität. Die Regisseurin vermittelt uns damit genau das ambivalente Bild, das auch das Buch von den beiden zeichnet. Natürlich wird man anhand des Claims, hier „die größte Liebesgeschichte überhaupt“ zu erleben zum Widerspruch geradezu herausgefordert. Fennell scheint uns dazu einzuladen zu überlegen, was Liebe denn eigentlich ist. Hier eher nicht ein geteilter Alltag in guten wie in schlechten Zeiten, sondern etwas, das von Sehnsucht, Verboten und durchaus auch Toxizität gespeist wird. Vielleicht ist das eben genau der Unterschied zwischen Liebe und einer Liebesgeschichte.
„Wuthering Heights“ ist ein überaus bild- und stimmungsgewaltiger Film, der über die ganze Laufzeit hinweg kurzweilig und höchst anregend ist. Nicht, dass man nicht das eine oder andere hinterfragen oder vielleicht sogar ablehnen könnte, was im Übrigen auch für die literarische Vorlage gilt. Aber am besten funktioniert „Wuthering Heights“ tatsächlich dann, wenn man sich, entgegen aller Rationalität, einfach darauf einlässt – wie beim Verliebtsein gewissermaßen. Pünktlich zum Valentinstag in unseren Kinos.