Exklusiv für Uncut
…so meinte es der Fließbandperfektionist Henry Ford. Zu einem guten Deal gehöre mehr als ein positives Finanzergebnis. Das passt zum Filmbusiness, schließlich sollen Filme nebst Kapitalisierung die Sinne anregen, Kunst vermitteln oder Botschaften transportieren. Unweigerlich taucht die Frage auf: Wie lässt sich ein Film beurteilen, der sowohl bei Kritik als auch beim Publikum durchfällt und der nicht einmal eine lukrative Kinoauswertung bekommt? Anders als die historisch-desaströsen Blockbuster-Flop-Exemplare „Lone Ranger“ und „John Carter“ wird die neue Netflix-Produktion nicht im Kino veröffentlicht. Seit Monaten spricht die Filmwelt von nichts anderem als diesem waghalsigen Budget von 320 Mio. USD. Die bislang teuerste Netflix-Produktion, dazu in den Top 15 der teuersten Filme aller Zeiten, und schon nach den ersten Tagen ist klar: das Geschäft geht nicht gut aus. Es ist nicht vorstellbar, dass die Netflix-Server nach diesem mittelmäßigen Streifen durch extreme Abo-Zukäufe kollabieren. „The Electric State“ ist ein Paradebeispiel für die Debatte, ob man mit Filmen Geld verdienen oder ob nicht die Kunst im Vordergrund stehen sollte, und er steht sinnbildlich für die Verfehlungen der exklusiven Streaming-Produktionen.
Man muss sich einreihen in die Negativrezensionen: natürlich ist das kein guter Film. Nach einem Krieg zwischen Menschen und Maschinen sieht die kontrafaktische Erde der 1990er Figur gänzlich anders aus. Michelle (sorry: Netflix-Stranger-Things-Darling Millie Bobby Brown enttäuscht auf ganzer Linie) hat ihre Familie verloren – bis urplötzlich ein Cartoon-Roboter in ihr Leben dringt und behauptet, er wäre ihr Bruder. Nicht vollständig ist dieser emotionale Kern greifbar, denn die Figuren haben keine Persönlichkeit, keinen Tiefgang. Der Anfang mag noch halbwegs gelingen, danach sehen wir einen Spielberg-Lucas-Brei. Die Anleihen bekannter Sci-Fi-Opern oder kinderfreundlicher Robot-Dramen sind nicht zu übersehen. Es ist eine formelhafte Konstruktion verschiedenster Bauteile. Auf ihrer Suche braucht Michelle einen coolen Buddy, den sie in Keats findet - wie oft Chris Pratt denselben Charakter spielen soll, weiß er wohl selbst nicht. Ein grausamer Verfolger darf auch nicht fehlen – Giancarlo Esposito hat leider keinen relevanten Beitrag. Beim Durchlaufen mehrerer Stationen treffen sie mehrere, verbündete Roboter-Freunde. Zwischendurch erleben sie einen Tiefpunkt, ihnen offenbart sich mithilfe von Dr. Amherst (Ke Huy Quan) ein Geheimnis und am Ende steht die große Materialschlacht, um Steve-Jobs-Tech-Bösewicht Ethan Skate zu besiegen (welch eine Talent-Verschwendung: Stanley Tucci). Voilà, fertig ist das Blockbuster-Kochrezept der Regisseur-Brüder Anthony and Joe Russo, die mit den Avengers höchsterfolgreiches Kino kreiert haben. Selbst gut gewählte Pop-Schnipsel wie „Wonderwall“ oder „Don’t stop believing“ können diesen teuren Durchschnitt nicht retten. Es fehlt an Momenten zum Nachdenken, zum Mitdenken, zum Debattieren und der Geschichte an Charisma und Tiefgang. Für Erwachsene zu plump, für Kinder zu ernst, wohin steuert dieser Film?
Und wohin mag das Budget geflossen sein? In die Komparsen eher nicht, denn die Welt ist nahezu menschenleer. Und das ist schade, hier kommt das Worldbuilding zu kurz, lediglich die durch eine Art VR-Brille degenerierten Menschen werfen ein dystopisches Licht auf die Zukunft. Ansonsten besteht der einzige Running Gag daraus, woher Chris Pratt in dieser synthetischen Welt etwas Essbares findet. Wofür sonst der Geldregen? Neben der genannten Darstellerriege, die das uninspirierte Drehbuch verwalten muss, gibt es eine Wagenladung an Cameo-Sprech-Rollen: Colman Domingo, Anthony Mackie, Brian Cox, Woody Harrelson und Alan Tudyk sprechen verschiedenste Roboter. Und da sind wir bei etwas Positivem angelangt: die Kreativität der Maschinenwesen und vor allem die Optik des Films sind sehr in Ordnung. Schließlich müssen sich die 15 Minuten Abspann am Ende auch verdient werden. Wobei hier angemerkt sein muss: Berichte über die Arbeitsbedingungen in CGI-Firmen sind höchstproblematisch. Hoffen wir, dass das Budget auch wirklich in diesen Bereich geflossen ist, der den Film zumindest gut ausschauen lässt. Und hoffen wir, dass die Studios folgende Erkenntnis einsehen: das Kino lebt von Ideen, von Mut, von Gefühlen, aber auch von Intelligenz. Vor Kurzem haben es „Anora“ und „The Brutalist“ vorgemacht: mit einem Budget in einstelligem Millionenbereich lassen sich vortreffliche Werke zaubern, die sowohl erfolgreich sind als auch etwas zu sagen haben.
„The Electric State“ ist ein mittelmäßiger Maschinendefekt: nichtssagende Dialoge und mieses Acting, keinerlei Charaktertiefe und formelhafte Dramaturgie, wenige Action- oder Humor-Höhepunkte. Dazu die erschöpfte Themenwahl: philosophisch und intellektuell hat das träge Sci-Fi-Robot-Abenteuer der Avengers-Russo-Brüder zu den Problemen der Mensch-Maschine-Schnittstelle nichts Neues beizutragen. Diese Reise durch die retrofuturistische Welt gleicht der Persönlichkeit eines alten Haushaltsgerätes, sie wärmt wie eine Mikrowelle nur altbekannte Kinogerichte auf. Trotz dessen ist sie kein kompletter Reinfall, ist ästhetisch solide und es gibt den einen oder anderen Schauwert. Und sie öffnet ein weiteres Kapitel im Diskurs über den Zwiespalt zwischen Kunst und Business im Kino, immerhin. Mit Blick auf die Produktion im Netflix-Angebot und das 320-Mio.-Budget halten wir fest: Für ambitionierte Filmkunst braucht es weder Streaming noch gigantische Geldmassen. Was es braucht, ist vor allem das Kino!