Exklusiv für Uncut
Nachdem sie sich mit ihren kompromisslos queeren, doch vor allem einfach wunderschön menschlichen Kurzfilmen einen kleinen Namen gemacht hat, bringt uns Marie Luise Lehner nun ihr Langfilmdebüt. „Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ (was für ein Titel!) setzt Lehners Liebe für ihre Figuren fort. Der Film bringt Momente und Menschen auf die Leinwand, die dem Kino in den letzten Jahren (und Jahrzehnten) schmerzlich gefehlt haben, insbesondere in solchen vorurteilsbefreiten Darstellungen. Wir sehen ein alleinerziehendes Elternteil, das seinem Kind nicht bei den Hausaufgaben helfen kann, die ersten Schritte eines Teenagers, sich mit der eigenen Identität und sexuellen Orientierung auseinanderzusetzen, eine Frau, die eine bewusste Entscheidung trifft, ob sie ihr Kind behalten oder abtreiben soll, die Schwierigkeiten einer gehörlosen Person in einer hörenden Gesellschaft, nackte Körper, die abseits von Schönheitsidealen existieren, und vieles mehr. Lehner beansprucht filmischen Raum mit Bildern, die ihr offensichtlich am Herzen liegen. Es sind wichtige Bilder, deren Platz auf der großen Leinwand ein berechtigter Triumph ist. Mich freut es extrem, dass es diesen Film gibt.
Lehner ist sich auch der Tropen, Archetypen und Darstellungen, denen sie eben diesen Raum verweigern möchte, sehr bewusst. Der Film zielt darauf ab, eine bestimmte Realität darzustellen. Und gibt große Acht, diese Realität nicht zu verzerren oder zu untergraben. Es gibt keinen Mobber, den es zu überwinden gilt, oder irgendeinen anderen zentralen Konflikt, der gelöst werden muss. Diskriminierung und finanzielle Ungleichheit sind ein Produkt einer ungerechten Gesellschaft und stammen nicht aus Vergehen von Einzelpersonen. Die Zwangslage(n), in der sich unsere Protagonist*innen befinden, kann nicht einfach in einem 90-minütigen Film überwunden werden. Lehner findet genug Reiz im alltäglichen Leben ihrer Figuren; in den vergleichsweise unspektakulären, aber zutiefst menschlichen und wunderbar beobachteten Hürden, denen so viele Personen in ähnlichen Situationen gegenüberstehen. Sie muss und will den erlebten Momenten keinen zusätzlichen Ballast andichten, um sie auf die Leinwand zu bringen. Im besten Fall bringt der Film sein Publikum dazu, in Ausschnitte einer Realität einzutauchen, die sich (mal mehr, mal weniger) von ihrer eigenen unterscheidet.
Den Rest der Zeit scheint der Film jedoch Angst zu haben, über seine Bilder hinauszugehen. Er traut sich nicht zu, die dargestellten Ungerechtigkeiten tatsächlich zu erforschen und zu konfrontieren. Seine extrem zurückhaltende audiovisuelle Sprache sowie Lehners Drehbuch, das seine Stärke in bewusster Vagheit findet, sorgen für einige ruhig-kraftvolle und elegante Szenen. Aber sie stolpern über mindestens ebenso viele verpasste Gelegenheiten, sich mit Themen auf Weisen auseinanderzusetzen, die über ihre bloße Darstellung hinausgehen. Ich habe schmerzlich eine Szene vermisst, in der sich die Figuren über ein Thema uneinig sind und darüber diskutieren (oder vielleicht sogar anschreien). Es entwickeln sich keine Konflikte, und keine der Figuren nimmt eine klare Haltung zu den Themen ein, mit denen sie konfrontiert sind. Filme können so viel mehr als nur darstellen, aber Lehner fehlt hier die klare Stimme, die ihre Kurzfilme so besonders gemacht hat.
Der Film versucht, seinen sehr beobachtenden Erzählstil durch seine Figuren auszugleichen. Diese sind jedoch bei weitem nicht gut genug entwickelt, um dieser Herausforderung gerecht zu werden. Stattdessen wirken viele wie Schachfiguren, die die Rollen ausfüllen, die das Drehbuch für eine bestimmte Szene benötigt, ohne ein darüber hinaus gehendes Innenleben zu besitzen. Selbst den beiden Protagonist*innen fehlt es an Tiefe, um sich von ähnlichen Figuren aus anderen Filmen abzuheben – auch wenn sie durch ihr großartiges Schauspiel trotzdem in Erinnerung bleiben werden. Der Film verzichtet darauf, ihnen während seiner Laufzeit eine greifbare Entwicklung zu geben, auch ihre Persönlichkeiten scheinen nur in einzelnen Momenten hervor. Ich wollte sie besser kennenlernen, aber „ Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ wirkt oft mehr wie ein langgezogener Kurzfilm als ein runder Spielfilm. Motive wie die Musik, die ein Ausdruck für Annas Wunsch hätte sein können, der Welt zu entfliehen, in der unsere Gesellschaft ihre taube Mutter gefangen hält, werden überhaupt nicht entwickelt. Auch gelingt es dem Film nicht, irgendeine Art von Momentum aufzubauen. Lehners Spielfilmdebüt fühlt sich enttäuschend leer an, eine hohle Collage aus regelmäßig wirklich bewegenden Bildern.
Ich möchte den Film wirklich mehr mögen, als ich es tue. Allein die nonchalante Art und Weise, wie er queere Menschen und Lebensweisen darstellt, ist den Eintrittspreis wert. Denn er gibt denen eine Stimme und einen Raum, die oft zum Schweigen gebracht und beiseite geschoben werden. Und Lehners kompromisslose Empathie kommt von Zeit zu Zeit auf wunderbare Weise zum Ausdruck, ein Gefühl, das weitaus stärker ist als die sporadische Plumpheit und Unbeholfenheit, mit der sie einhergeht. Viele Aspekte des Films erfüllen mich mit großem Optimismus für Lehners nächstes Projekt. Ich wünschte nur, dieser Film hätte eine stärkere narrative, thematische oder emotionale Linie gehabt, die mich durch seine Szenen führt. Damit er die Chance gehabt hätte, über die linke Blase hinauszustrahlen, von der er ein Teil ist.