Filmkritik zu Hysteria

Szenenbild aus Hysteria Fotos: Filmladen
  • Bewertung

    Wenn Panik zur Norm wird

    Exklusiv für Uncut vom Crossing Europe Film Festival
    Es ist erstaunlich, was dieser Film mit einem macht, welche Emotionen er erzeugt, zu welchen Reaktionen er führt und warum es wichtig ist, ihn im Kino zu sehen. „Hysteria“ lässt einen im Kinosaal nach vorne rücken, die Ellbogen auf den Knien abstützen und vereint Politik und Religion auf clevere Weise mit Humor und Film.

    Aus einem Filmset wird ein gesellschaftliches Pulverfass…

    Elif (Devrim Lingnau) arbeitet für das Paar Lilith (Nicolette Krebitz) und Yiğit (Serkan Kaya), die gemeinsam einen Film drehen, der den rechtsextremen Brandanschlag von Solingen 1993 thematisiert. Bei dem Anschlag kamen damals fünf Menschen mit türkischen Wurzeln ums Leben, 14 weitere wurden dabei schwer verletzt. Als zweite Regieassistenz beweist sich Elif als zielstrebig und engagiert, hofft darauf, beim Filmdreh so viel Verantwortung wie möglich übernehmen zu können, um Lilith und Yiğit zu zeigen, dass sie in Zukunft auch das Zeug für mehr hätte. So weit, so gut.

    Eröffnet wird der Film mit den Dreharbeiten einer Szene, die den weiteren Verlauf entscheidend prägt und die Geschichte schlagartig verändert: Eine Gruppe von Männern räumt die Brandschäden der Wohnung auf und stößt dabei auf einen verbrannten Koran, von dem niemand etwas wusste. Die Situation eskaliert von Minute zu Minute und hinterlässt bei allen Beteiligten ihre Spuren. Sie stehen vor einem verzwickten Lügengespinst mit spürbaren Konsequenzen, gestohlenen Filmkassetten und einem verlorenen Wohnungsschlüssel. Aus einer Filmproduktion und falschen Anschuldigungen entsteht eine kollektive Hysterie, die kurz vor einem ethischen Dilemma steht und jederzeit zu eskalieren droht.

    …und aus Angst, Hysterie

    Schon nach dem ersten groben Durchforsten des Programms vom „Crossing Europe Filmfestival“ war mir bewusst, dass hinter diesem Film eine beachtenswerte Performance sowohl auf Seiten des Casts als auch des Filmes selbst steckt. Mehmet Akif Büyükatalay erzählt in seinem zweiten Spielfilm die Geschichte von Elif als Drama, scheut sich jedoch nicht, Elemente des Whodunit- und Thriller-Genres einzubauen und das Publikum bis zur letzten Minute mitfiebern zu lassen. Während die Regie bereits überzeugt, wirft der Inhalt verschiedene Fragen zu Themen wie Religion, Rassismus, Meinungsfreiheit, Zensur und Migration auf. Der Film gibt darauf bewusst keine einfachen Antworten und zeigt gerade dadurch, wie schwierig es ist, unter solchen Umständen richtige Entscheidungen zu treffen. Der verbrannte Koran, der während der Dreharbeiten zunächst unbemerkt bleibt und erst später entdeckt wird, spielt dabei eine zentrale Rolle. Für die Komparsen Said (Mehdi Meskar), Mustafa (Aziz Çapkurt), Majid (Nazmi Kırık) hat er eine völlig andere Bedeutung als für Yiğit, Lilith und Elif. Und das, obwohl Elif und Yiğit ursprünglich selbst aus einer türkischen Familie stammen. Die Verwendung eines echten Korans im Film stellt für Mustafa und Majid ein klares No-Go dar, für Yiğit, Lilith und Elif ist der Widerstand hingegen nur schwer nachzuvollziehen. Der Kontrast zwischen diesen Positionen, der sich im Verlauf der Dialoge entwickelt, verschwimmt zunehmend und spiegelt sinnbildlich eine gesellschaftliche Dynamik wider, die oft schneller in Vorwürfe und Panik kippt als in Austausch und Empathie.

    „Hysteria“ zählt definitiv zu meinen Highlights des Festivals und wurde meinerseits bereits mehrfach weiterempfohlen, da man den Film nicht nur während der Laufzeit im Kino genießt, sondern ihn auch lange danach noch im Hinterkopf behält. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, schwierige Themen anzusprechen und hervorzuheben, dass Schweigen, Verdrängung und Hass alles immer nur komplizierter machen. Man muss selbst über den eigenen Schatten springen können, um das Gegenüber zu verstehen. Ich freue mich darauf, „Hysteria“ ab dem 15. Mai ein zweites Mal in den österreichischen Kinos zu sehen, und hoffe, dass der Film auch anderen einen kleinen Denkanstoß mitgeben kann.
    whatsappimage2026-03-19at15.20.23_d972efaf09.jpeg
    (Alfred Koblmüller)
    06.05.2026
    17:13 Uhr