Szenenbild aus Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes Fotos: Filmladen
  • Bewertung

    Verneigung vor einem Universalgenie als Kammerstück

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Philosoph, Mathematiker, Physiker, Jurist, Historiker, Erfinder und politischer Berater –- mit seiner titelgebenden Hauptfigur hat es sich die 92-jährige Regielegende Edgar Reitz nicht leicht gemacht. Zehn Jahre lang beschäftigte er sich mit der Person Gottfried Leibniz, der selbst nur ein einziges Buch, dafür aber über 20.000 Briefe und Zettel hinterlassen hat. Er war ein historischer Netzwerker und Vordenker der Aufklärung, dem wir unter anderem das binäre Zahlensystem, die Einführung eines europäischen Gerichtshofes, die mit Quanten in Verbindung stehende Monadenlehre und alltagstaugliche Erfindungen wie Klappstuhl und feldtauglicher Luftmatratze verdanken. Viel Inhalt für 104 Minuten, was neben Fragen der Finanzierung dazu beigetragen haben dürfte, den ursprünglich als historisches Roadmovie angelegten Film in einen kleinen Raum zu verlegen, in dem sich zwei Menschen einen intellektuellen Schlagabtausch liefern.

    Den Rahmen der Handlung liefert ein fiktives historisches Ereignis: Königin Sophie Charlotte vermisst nach ihrer Vermählung am fernen Hof den geistigen Austausch mit ihrem Mentor Leibniz. Sie wünscht sich ein Porträt des Universalgenies, um zumindest in der Vorstellung Zwiesprache halten zu können. Ein selbstgefälliger Hofmaler scheitert mit seinem Versuch, den Gelehrten in seine vorgefertigten Schablonen zu pressen. Seine Nachfolgerin, die (fiktive) niederländische Malerin Aaltje van der Meer, setzt auf Intuition und philosophische Gespräche, um das Wesen ihres Motivs zu erfassen.

    Obgleich die zerbrochenen Spiegel, die die Ausstattung im Atelier der Malerin platziert hat, am positiven Ausgang zweifeln lassen, widmet sich Edgar Reitz der Frage, ob eine Person in ihrer ganzen Wahrhaftigkeit und Tiefe in Bildern dargestellt werden kann. „Worüber ich nicht sprechen kann, das kann ich malen“, legt er seinem KünstlerInnen-Alter-Ego in den Mund und lässt sie in Augenhöhe mit seinem Gelehrten-Alter-Ego debattieren. Die Wahrheit der Wissenschaft und jene der Kunst treten zum Wettstreit an. Trotz seiner Erfahrung ist Reitz ein demütig agierender Regisseur. „Leibniz“ ist ein Film über Film. in dem er auch seine eigenen Bildwelten auf den Prüfstand stellt. Die Frage wie man dem Porträt eines Menschen gerecht werden kann, beantwortetet er trotz akribischer Recherche, nicht mit Fakten sondern mit Intuition und Offenheit für das Unbekannte.

    So penibel Edgar Reitz auf historische Ausstattung achtet (etwa bei den aus historischem Taft gefertigten Damenkleidern), so viele Freiheiten erlaubt er sich bei der humoristischen Auflockerung: Lars Eidingers spontan improvisierte Anweisungen an sein Modell finden sich ebenso im Film wieder wie dadaistisch einsetzendes Flötenspiel. Und einen Vogel, der seinen nicht unbedingt sinnstiftenden Filmauftritt einem Traum des Regisseurs verdankt, gönnt er sich auch.

    Reitz weist die Absicht, Philosophie zu lehren, von sich. „Kino ist keine Schule“, betont er. Dennoch verlangt er dem Zuseher einiges an Aufmerksamkeit ab. Die Reduktion auf ein Kammerstück und der den Film dominierende philosophische Diskurs lassen den Schauspielern nicht viel Spielraum.
    Ein bisschen fragt man sich, wie die Malerin neben den tiefgründigen Diskursen zu arbeiten vermag.

    Reitz macht aus seiner Begeisterung für Leibniz keinen Hehl, übertragen auf die junge Königin Charlotte bekommt die Liebe einen seltsamen Beigeschmack. Nichtsdestoweniger weckt sein Film den Wunsch, sich eingehender mit den Errungenschaften des Universalgenies Leibniz zu befassen.