Exklusiv für Uncut
Wahrscheinlich kennt ihn die halbe Weltbevölkerung. Sein Wohnort, Metropolis, ist benannt nach dem Stummfilmklassiker. Sein ikonisches Outfit erinnert an Zorro, den Rächer mit der Maske. Er ist unverzichtbarer Teil von Popkultur und Popmusik. Er war Inspiration für Andy Warhol und formierte eine erstaunliche Adaptionskarriere mit Hörspielen, Actionfiguren, Comic-Heften. Und er steht sogar im Guinness-Buch für den am häufigsten im Fernsehen dargestellten Superhelden. Für die eine Generation waren es „Die Abenteuer von Lois & Clark“, für die andere Generation die Serie „Smallville“ und zuletzt durfte sich Zack Snyder am „Man of Steel“ abarbeiten – und scheitern. Jetzt beginnt eine neue Ära: James Gunn übernimmt das gestrauchelte DC-Universum und setzt die lange Reihe der Superman-Verfilmungen fort. Kann das Reboot dem Supermenschen eine neue Facette hinzufügen? Wohin mit einem perfekten Helden, der kaum Reibungsflächen hat? Wie umgehen mit diesem menschlichen Bollwerk ohne Schwächen?
„Ich möchte nicht schon wieder sehen, wie Baby Kal in einer kleiner Rakete von Krypton zur Erde rast“ – James Gunn wiederholt nicht die alten Geschichten. Ganz im Gegenteil. Dieser neue Superman beginnt nicht am Ursprung, stattdessen: Clark Kent arbeitet bereits als verschrobener Journalist im Daily Planet und ist sogar schon in Lois Lane verliebt. Und er kämpft schon gegen seinen größten Widersacher: Lex Luthor, der nicht damit zurechtkommt, dass ein Außerirdischer mehr Mensch ist als er selbst, dass dieser Fremde derart geliebt wird. Luthor, dieser narzisstische Industrie-Tech-Waffen-Guru, zettelt eine geopolitische Verschwörung an, um Superman zu vernichten. Aus ihm quillt ein irrationaler Hass, dem Nicholas Hoult (zuletzt: „Nosferatu“) trotz hohem Coolness-Faktor nicht mehr Tiefgang geben kann.
James Gunn, der gefeierte „Guardians of the Galaxy“-Regisseur, übernimmt in bester Lex-Luthor-Manier die Alleinherrschaft über dieses Werk, ist Autor, Produzent und Regisseur in Personalunion. Ihn zeichnet nicht nur eine Hingabe für das Comic-Urmaterial aus, sein Stil ist unverkennbar: präzise Übergänge mit amüsanten Schnittwechseln und gezielte musikalische Untermalung, die noch Minuten nach Filmende in den Ohren klingt. Dazu: farbenfrohes Coloring, impulsive Action, witzig-originelle Ideen (Monkeybots!) und knackige Dialoge. Gleich nach der ersten Schlacht rein ins Wohnzimmer. Dort diskutieren Lois und Clarke persönliche Verantwortung und die Frage nach Diplomatie oder militärischem Eingreifen. Und vermischen das Ganze mit Beziehungsproblemen – ein unerwarteter, kommunikativ-intensiver Moment. Der alltägliche Ernst des Lebens, getragen vom wunderbaren Zusammenspiel des Darstellerpaars.
Wer hätte das gedacht? David Corenswet passt der rot-blaue Anzug wie angegossen! Der bisher eher in Netflix-Serien aufgetretene US-Amerikaner tritt in die Tradition eher unbekannter Schauspieler für die große Superman-Rolle und überzeugt hinreichend. Er steht für eine Ambiguitätstoleranz, für ein Abschütteln der Zweifel und der menschlichen Krisen. Nuanciert, weder abgehoben noch zu blass, wird er nur übertroffen von Rachel Brosnahan, die als Lois Lane mehr Screentime verdient hätte. Beide im Duett sind jedenfalls eine einzige Wohltat. Klammheimliches Highlight und weiteres Zeichen für Gunns Comic-Kenntnis ist allerdings der charmante, vierbeinige Held Krypto, den es noch nie auf der Leinwand zu sehen gab.
Es ist trotzdem nicht alles Gold, was glänzt. Die größte Schwierigkeit besteht in der heutzutage üblichen Franchise-Überlastung. Für den neuen 10-Jahres-Plan des DCU müssen weitere Figuren den neuen DC-Themenpark füllen. Da bilden Mister Terrific, Hawkgirl und ein Green Lantern mit alberner Topf-Frisur die „Justice Gang“ und The Engineer dient nur als Vehikel für Lex Luthor ohne weitere Relevanz. Das lenkt ab vom Fokus des Films und schürt Distanz zu den menschlichen Interaktionen. Selbst die ein oder andere Action-Sequenz erfährt keine schlüssige Integration in den Plot. Auch die außerirdischen Settings und absurd-futuristischen Sci-Fi-Elemente können das Publikum überfordern und sorgen für Entfremdung von geerdeten Themen. Das liegt zwar in Gunns DNA, unterscheidet diesen Superman aber z.B. vom 1978er-Originalfilm mit Christopher Reeve, der sich eher auf irdische Handlungsorte beschränkt.
Rein philosophisch und gesellschaftlich versinnbildlicht Superman Wahrheit, Gerechtigkeit und eine moderne Existenztheorie. Wenn Clarks Dad sagt: „Your actions make you who you are“, ist diese Aussage fast eins zu eins vom französischen Star-Philosophen Jean-Paul Sartre übernommen. Und so kommentiert dieser Film unsere Zeit, eine Phase, in der die Welt Menschen kategorisiert und zurückweist auf Basis einer Eigenschaft: Identität durch Herkunft. Superman hingegen ist kein Mensch qua Geburt, sondern Mensch aufgrund seiner altruistischen Taten. Er widerspricht der Hobbes’schen These, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Er steht für das unbedingt Gute, er ist der personifizierte „Kategorische Imperativ“ und Repräsentant einer Hoffnungsethik in einer Welt, in der die Hoffnung durch Tech-Gurus, Autokraten, Klimakrisen und Neoliberalismus langsam schwindet. Diese Facette mag nicht allzu innovativ sein, passt aber in die heutige, angespannte Weltlage.
Fazit: James Gunn gelingt es, den Superman-Mythos mit einer frischen, humorvollen und modernen Note neu zu erzählen – und ihm gelingt der Ausdruck zwischenmenschlicher Tiefe. Bisweilen steckt sich das DC-Reboot mit der Franchisekrankheit an, wenn unzählige DC-Figuren den neu etablierten Kinoheldenkosmos herhalten. Doch gerade in den leisen Tönen findet der Guardians-Regisseur die richtige Kombination, die das sympathische Tandem Corenswet-Brosnahan mit Charme auf die Leinwand zaubert. Trotz typischer Blockbuster-Disparitäten ist „Superman“ ohne Zweifel eine der besten Comic-Verfilmungen der letzten Dekade.