Exklusiv für Uncut vom K3 Film Festival
Der wunderschön gefilmte Alpinfilm „Alpha.“ feierte vor wenigen Wochen seine Premiere auf dem prestigeträchtigen Filmfestival in Venedig. Aktuell läuft er auf dem K3 Filmfestival in Villach, weitere diverse Filmfestspiele, stehen noch bevor. Es ist ein beeindruckendes Mammutwerk, dessen aufwändige Produktion in 2000 Höhenmetern erst einmal geschlagen werden muss.
Rein (Reinout Scholten van Aschat) ist Snowboardlehrer und arbeitet in den Alpen. Nachdem seine Mutter verstorben ist, erhält er einige Wochen später Besuch von seinem Vater Gijs (Gijs Scholten van Aschat), welcher aus den Niederlanden anreist. Gemeinsam brechen sie mit einer kleinen Gruppe zum Wintersport in die verschneiten Berge auf, wo sie nicht nur miteinander, sondern auch der erbarmungslosen Natur in Konflikt geraten.
Schneeweiten und Eiseskälte
Bergfilme mögen sich auf den ersten Blick die elementarsten Komponenten teilen: Schnee, wohin das Auge reicht, unbezwingbare Natur, pompöse Bildgewalten. Jene drei Elemente treffen auch auf „Alpha.“ zu und doch wird das alles ziemlich speziell eingefangen. Statt Weitwinkelaufnahmen springt ein auf den ersten Blick seltsam deplatziertes 4:3 Format ins Auge. Will man nicht gerade so viel Bild wie möglich einfangen, um die Prächtigkeit der Alpen festzuhalten? Genau das Gegenteil ist der Fall. Während sich im Weitwinkel-Format eine intensivere Horizontalität ergibt, resultiert in „Alpha.“ eine deutlich stärkere Vertikalität (mehr Fokus auf Höhen statt Breiten), was eine nicht minder beeindruckende Faszination der Berge kreiert. Die bildlichen Naturgewalten werden durch diese bewusste Beschneidung nicht in Mitleidenschaft gezogen, im Gegenteil.
Hinzu kommt eine Frage, die konstant für tangierende Gedanken sorgt und auch in „The Revenant“ mit Leonardo DiCaprio schon gestellt wurde: Wie viel Eiseskälte und unbezwingbare Natur kann man Schauspielern zumuten? Die Antwort gibt ein Produzent des Films im Gespräch nach der Vorstellung: Es herrschten Temperaturen bis zu -20 Grad und an vier Tagen pro Woche wurde gedreht. Jedoch nichts ungewöhnliches für die Schauspieler, die auch im echten Leben leidenschaftliche Wintersport-Fans abgeben und stundenlang per Ski oder Snowboard unterwegs sind. All der Aufwand hielt die Produktion also nicht davon ab, noch ein paar Grad höher zu steigen, noch ein paar Extraschritte weiter zu gehen.
Abgerundet wird der Film durch eine interessante Auffälligkeit. Während in den ersten zwei Drittel der Berg als Ort für Freiheit und Glückseligkeit eingeführt wird, entwickelt sich eine maximal subtile Wandlung, knapp ab der Mitte. Dieser spürbare Effekt kommt daher, da man in der ersten Zeit viel zu sehr damit beschäftigt ist, diese schneebedeckten Landschaften zu bestaunen. Für etwaige Sorgen, dass einer Figur etwas zustößt, oder Trauergedanken in Hinblick auf die verstorbene Mutter, ist mental einfach kein Platz - denn viel zu sehr wirkt „Alpha.“ zuerst wie ein Sportfilm und weniger als Drama. Ganz subtil schleichen sich im Laufe der Geschichte dann eben jene Gedanken ein - obwohl bis zu diesem Punkt noch nicht ersichtlich ist, welche Richtung der Film einschlagen wird. Ist es eine Geschichte, in der Vater und Sohn sich nach einem familiären Verlust näher kommen oder doch eher ein Kampf gegen die Natur, gar ein tragisches Survival-Drama? Die Antwort soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel sei verraten: Das diesjährige Filmfestival in Villach verschreibt sich dem Thema „Nähe“, welches ebenso in „Alpha.“ im Kontext der Vater-Sohn-Beziehung spürbar ist. Sehenswert zieht der Bergfilm in den Bann, da sich nie so ganz sagen lässt, ob diese gigantischen Naturgewalten die zwischenmenschliche Nähe fördern oder nicht doch eher auseinanderreißen. Es ist der bis dato sehenswerteste Film auf dem diesjährigen K3 Filmfestival.