Filmkritik zu Toy Story 5

Szenenbild aus Toy Story 5 Fotos: The Walt Disney Company
  • Bewertung

    Digitale „Freundschaft“, analoge Sehnsucht

    Exklusiv für Uncut
    Habt ihr sie schon einmal beobachtet? Diese auf Bildschirme starrenden Kinderaugen? Wer sie bereits gesehen hat, dem wird dieser magische Kontrollverlust aufgefallen sein. Keine Konzentration auf die Umgebung, kaum Wahrnehmung der Umwelt, auf die einfachsten Fragen folgen nur minimale Antworten. Genau diese Entfremdung macht den Erwachsenen Angst. Dabei swipen nicht wenige selbst täglich mehrere Stunden durch eher dürftige Reel-Orgien. Zahlen nähren die Sorgen: 2024 stand ein Drittel aller Jugendlichen nahezu permanent online mit anderen Menschen in Kontakt (WHO) und 36 % der Schüler:innen in Österreichs 11. Schulstufen weisen ein erhöhtes Depressionsrisiko auf (HBSC). Die Frage nach dem richtigen Umgang durchzieht Medien und Politik, denken wir an die Debatten zum Social-Media-Verbot, die es in den 1990er-Jahren nicht gegeben hätte. Erwachsene, die anders aufgewachsen sind, entscheiden über die Freizeit der heutigen Kinder. „Früher war alles besser“ – oder doch nicht?

    Kaum eine Filmreihe eignet sich besser für dieses Thema als Toy Story. Pixars Spielzeuguniversum war schon immer eine Chronik des Wandels. 1995 markierte der erste Teil den Beginn einer neuen Zeitrechnung: Als erster vollständig computeranimierter Langfilm kam er in die Kinos und wurde ein großer Erfolg. Die gesamte, jetzt fünfteilige Filmreihe gehört zu den erfolgreichsten Filmreihen der Kinogeschichte und erzählt auf unwiderstehliche Art von der Vergänglichkeit, vom irreversiblen Zeitpfeil, von Veränderung. Im dritten Teil übergibt Andy seine Spielsachen der kleinen Bonnie, die jetzt als Besitzerin der liebgewonnenen Spielzeuge wie Woody, Buzz oder Jessie im Zentrum steht. So geschieht es auch im fünften Teil, in dem die Welt sich wieder ein Stückchen weitergedreht hat.

    Denn Bonnie findet keine Freundinnen, keine Nachbarskinder, die mit ihr spielen. Im Gegenteil: Sie wird ausgelacht, weil sie noch Spielzeuge hat. Welche Alternative hält die Kinder davon ab, durch die Gegend zu tollen? Das Lilypad! Ein scheinbar kindgerechtes Tablet, mit dem Bonnies Eltern den Versuch wagen, Freundinnen und Ablenkung für ihre Tochter zu finden. Mit dem Lilypad kann Bonnie Online-Games zocken und sich vernetzen. Ein Pling-Ton signalisiert die Annahme von Freundschaftsanfragen und schon hat sie virtuelle Freundinnen. Was früher jahrelanges Zusammenwachsen benötigte, ist heute ein Klick auf dem Touchscreen. Doch ganz so einfach ist es auch nicht, denn die Geschwindigkeit dieser digitalen Nähe schlägt rasch in Mobbing und Ausgrenzung um. Die Lösung: Auftritt der animierten Spielzeugheros, um das Kind wieder glücklich zu machen.

    Im Mittelpunkt steht dieses Mal nicht Woody, sondern Jessie - das Cowgirl, das Woody im zweiten Teil bei Stinky Pete kennenlernt. Sie schält sich mit Finesse aus dem Dasein als Assistenzsheriff. Ihre Trauer, als die frühere Besitzerin Emily sie am Straßenrand hat stehen lassen, trägt dieses neuerliche Abenteuer. Woody agiert übrigens als Comedy-Sidekick, wenn seine Halbglatze mehrmals das Sonnenlicht reflektiert und allen ins Gesicht scheint.

    Das Wiedersehen mit bekannten Gesichtern fällt dieses Mal gering aus, dafür gibt es neues Spielzeug mit Fokus auf dem technologischen Fortschritt. Denn es tritt nicht nur Lilypad als Antagonistin auf, unsere Veteranen werden mit einer Menge elektronischer Spielgeräte konfrontiert oder müssen sich mit denen verbünden. Besondere Aufmerksamkeit erhält ein strombetriebener Töpfchentrainer mit riesigen Tasten und Kot-Piktogrammen. Seine Notwendigkeit: mehr als kritisch hinterfragbar. Sein Charme und Humor: eine willkommene Abwechslung. Der Witz kommt übrigens nicht zu kurz, kann aber nicht ganz mithalten mit den früheren Fast-Meisterwerken der Reihe.

    Im großen Ganzen bekommen wir das Erwartete und das ist für dieses Franchise hochqualitativ, vor allem stechen in der zweiten Hälfte die spektakulär inszenierten Actionszenen hervor. Allein optisch sind die Animationen sensationell, einige Szenen sehen aus, als wären sie Realaufnahmen. Highlight ist die Nebenhandlung einer Hundertschaft Buzz Lightyears, die aus einem verunglückten Warencontainer fliehen konnten und auf geheimer Mission sind. Was ein Vergnügen! Später greifen die Zahnräder ineinander, wenn die Buzz-Armada Jessies Spur aufnimmt und ihren Sheriff-Stern als Symbol der Heimatorganisation „Star Command“ deutet. Zum Ende hin werden die Buzzes zum Sinnbild des Zeitpfeils. Auch sie bleiben nicht, was sie waren. Selbst die Spielzeuge erhalten ein Upgrade, eine Aktualisierung, werden als Neuversion verkauft. Hier zeigt sich der Kapitalismus mit seinen Kaufanreizen durch immer neue Updates in seinem spannenden, innovationsfreudigen Gewand. Ein unausweichlicher Fortschritt, dem wir uns stellen müssen.

    Was ist die Botschaft dieses Abenteuers? Einige Rezensionen bemängeln eine plakative missionarische Aufgabe. Dabei ist „Toy Story 5“ nie übermoralisch im Hinblick auf die Gefahren digitaler Technologien, die wir am Anfang quantifiziert haben. Ganz im Gegenteil: der Film, der unter Garantie große Box-Office-Erfolge feiern wird, setzt sich für Koexistenz beider Welten ein. Analoge und digitale Spielzeuge müssen zusammen agieren, müssen gemeinsam das Leben der Kinder bereichern. Das mutet etwas zu optimistisch an, entspricht aber der Realität. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen und das möchte im Angesicht der immensen Vorteile der digitalen Welt auch niemand. Ein respektvoller Umgang und ein gesundes Maß (Stichwort: Bildschirmkontrolle und Bildschirmzeit) sind notwendig. Nicht nur für die alte Spielzeuggarde, die verzweifelt um ihren Platz in der Welt kämpft. Auch für die Menschen, die auf zwischenmenschliches Spielen angewiesen sind.

    Ja, der Mensch als soziales Wesen steht zur Debatte. Mehrmals täglich droht der Mensch dabei jene soziale Dimension einzubüßen, die sein Wesen eigentlich ausmacht. In Gruppenchats wird Bonnie gemobbt, zu Onlinespielen gezwungen, um ihre „Freundschaften“ zu wahren. Dabei steht auch die Definition von Freundschaft auf dem Prüfstand. Der Film stellt analoge Freundschaften als authentischer und digitale Beziehungen als fragiler dar, mit denen die etwas schüchterne Bonnie, die laut Jessie „anders“ ist, weniger anfangen kann als mit echten Menschen. Zugleich verweist der Film auf eine grundlegende menschliche Fähigkeit: das Sprechen. Dass intensive Bildschirmnutzung mit Kommunikationsproblemen und sozialen Auffälligkeiten in Verbindung steht, ist mittlerweile gut dokumentiert. Bereits Herder betonte im 18. Jahrhundert die enge Verbindung von Sprache, Denken und menschlicher Gemeinschaft. Und in dieser Hinsicht ist „Toy Story 5“ auch eine Warnung an Eltern, die die Geräte ohne Begleitung ihren Kindern überlassen. Die Beziehung Eltern-Kind ist immer noch am wichtigsten für Spracherwerb und Urvertrauen zwischen Menschen.

    Fazit: Weinen, lachen, mitfiebern, fürchten – „Toy Story 5“ bietet die ganze Gefühlspalette, die diese Reihe seit drei Jahrzehnten auszeichnet. Zwar erreicht das neue Rettungsabenteuer nicht die emotionale Wucht seiner stärksten Vorgänger, und manche Nebenstränge wirken etwas überfrachtet. Dennoch beweist Pixar erneut, weshalb diese Spielzeug-Saga zu den außergewöhnlichsten Franchises der Filmgeschichte gehört. Hinter visuell-fotorealistischen Meisterleistungen und spektakulärer Animations-Action verbirgt sich eine zeitgemäße Frage: Was geschieht mit Freundschaft, Spiel und Kindheit in einer Welt virtueller Vernetzung? Die Antwort des Films ist weder kulturpessimistisch noch technikverliebt. Nicht das Tablet verdrängt das Spielzeug, beide müssen ihren Platz finden – genau wie Bonnie, die das Konzept der Freundschaft neu durchlebt.
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    (André Masannek)
    23.07.2026
    15:33 Uhr
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