Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Wie schwierig die Bedingungen auch sein mögen, hier wird nicht geredet oder stehengeblieben, sondern hoffnungsvoll vorangeschritten. Der Film begleitet seine drei Protagonisten auf ihren Lebensreisen, die von Marseille aus quer durch Europa führen: Abel ist ein ehemaliger Sportler, seine Frau Nellie Mikrobiologin, Raye ihre jugendliche Tochter, die das Elternhaus als erste verlässt. Ermutigt durch Ihre Großmutter, gelangt sie über Straßburg nach Berlin, wobei sie sich von einem Kompass und vom Zufall leiten lässt. Ihr Vater sucht sein Glück in Odessa. Die Mutter bleibt am Heimatort und macht ihre persönliche Reise.
Die tagebuchartigen Notizen und Collagen des Vorspanns spiegeln sich in der Struktur des Films wider. Eine klassische Erzählung sucht man hier vergeblich. Die in grobkörnigen Bildern geschilderten Ereignisse erwecken den Eindruck, im kollektiven Gedächtnis der erfundenen Hauptfiguren zu wühlen und Bruchstücke daraus hervorzuziehen. Hier finden sich winterliche Landschaften, verwaiste Industrieanlagen, die Zürcher Drogenszene und Kriegsgebiete, immer wieder Flamingos und sonderbare Fremde. An welche Orte die Reise führt und warum sie gemacht wird, ist unbedeutend. Diese Orientierungslosigkeit kann durchaus anstrengend und irritierend sein, solange man als Betrachter an der Gewohnheit festhält, klassische Erzählungen zu erwarten.
„Jeder denkt bei Filmen vorwiegend an etwas, das gemacht wird, um einem etwas zu erzählen. Ich denke, das Wichtigste ist, zumindest für mich, dass sie mir erzählen, begreiflich machen, was hier wirklich vor sich geht.“
Robert Kramer betrachtet das Skript mehr als Intention denn als Vorgabe. Die gesprochenen Texte werden während des Drehs entwickelt. Wie ein unsichtbarer Freund begleitet er seine Filmfiguren, spricht mit Ihnen und lässt sich vom fiktiven Abel die Antwort verweigern. Wichtiger als Worte und Übersetzungen sind ihm die Beziehungen und die Umstände ihrer Begegnungen. Er studierte Philosophie und westeuropäische Geschichte, war Reporter und linker Aktivist bevor er sich dem Film zuwand. Vor diesem Hintergrund entwickelte er seinen Filmstil, der eher als Lebensweise, denn als Filmsparte verstanden sein will und der auch diesen Film prägt.
Fiktion, Dokumentation und Improvisation werden kühn gemischt. Es finden sich Bezüge zu anderen Filmen, wie zu Robert Kramers Familiengeschichte. (Sein Großvater floh vor den Pogromen nach Odessa. Seine Eltern lebten in Berlin, bevor sie in die USA auswanderten.) Die Handlung ist gespickt mit Symbolen und umrahmt von aktuellen politischen und sozialen Themen. (Europa nach dem Zerfall der UdSSR, Fragen der Zugehörigkeit, Krieg, Armut, Umweltzerstörung).
Dieser poetische Film ist spröde, wortkarg, melancholisch und durch seine Aufrichtigkeit überraschend eindringlich. Extreme Close-ups zeigen die Umgebung der Filmcharaktere mit Ihren Augen und kommen Ihnen so nahe, dass man glaubt an Ihre Stelle zu treten. Die Protagonisten werden zu Archetypen des eigenen Lebens. Man muss ihre Handlungen und Begegnungen nicht gutheißen. Man muss sie nicht verstehen. Hier wird aufmerksam beobachtet, aber nicht moralisiert.
Wem es gelingt, sich auf das Ungewohnte einzulassen, der wird belohnt. „Walk the Walk“ inspiriert zur Nachsicht mit dem eigenen Lebensweg.