Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
Kann man dem Vampirfilm Anno 2024 noch neue Facetten abgewinnen? Wurde zu Blutsaugern und ihren Begierden nicht schon alles gesagt, was es zu sagen gäbe? Ja und nein. Auf den ersten Blick mag auch das Debüt der Frankokanadierin Ariane Louis-Seize, der umständlich betitelte „Humanist Vampire Seeking Consenting Suicidal Person“, nicht allzu originell erscheinen. Wiederkehrende Genre-Motive werden akribisch abgearbeitet: depressive Teens, die ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben, ein Hauch von Außenseitertum und Rebellion gegen Normen. Allerdings mit einem erfrischenden Twist. Denn: die Protagonistin dieser charmanten Vampirdramödie bringt ihre Beißerchen ausgesprochen ungern zum Einsatz.
Sensible Vampirin sucht Menschen mit Suizidgedanken
Schon seit 68 Jahren weigert sich Sasha (Sara Montpetit), ihre Gestalt ist immer noch die einer Jugendlichen, Menschen zu töten. In jungen Jahren musste sie mitansehen, wie die eigenen Eltern einen Geburtstagsclown vor ihren Augen brutal attackierten und verspeisten – ein Trauma, das weiterhin an ihr nagt. Dem Vampirmädchen leuchtet es nicht ein, andere zu zerfleischen, um den eigenen Durst zu stillen. Das überlebensnotwendige Blut erhält sie über Konservenbeutel aus dem Krankenhaus. Mittels Strohhalm werden sie ausgeschlürft wie ein Saftpackerl. Das klappt so lange, bis ihr Paul (Félix-Antoine Bénard) begegnet – ein schüchterner, autistisch anmutender Teenie. Sie beobachtet den Jungen, während dieser von einem Dach zu springen versucht. Plötzlich, wie aus dem Nichts, wachsen die vampirtypischen Fangzähne, die ihr bislang erspart gewesen waren. Beißt sie nun nicht endlich zu, muss sie ihr Leben lassen. Um die Sache zu erleichtern, tritt sie einer Selbsthilfegruppe für Suizidgefährdete bei. Wenn schon jemanden umbringen, dann eine Person, der das Leben ohnehin nichts mehr bedeutet. Doch plötzlich trifft sie dort wieder auf Paul. Zwischen den zwei missverstandenen Seelen entwickelt sich, so viel sei verraten, eine enge Freundschaft. Wird sie dem depressiven Paul seinen einzigen Wunsch erfüllen?
Blutsauger-Comedy über die Leiden und Lehren des Menschseins
Was da genau auf einen zukommt, wird zunächst nur angedeutet. Über Flashbacks erklärt Ariane Louis-Seize die Familiengeschichte der Hauptfigur. Eine quirlige Vampirkomödie wird versprochen, das Blatt wendet sich, als Paul ins Bilde kommt. Der Ton wird zunehmend ernster, feiner Blutsaugerhumor wird von einem Schwall der Melancholie umhüllt. Dass diese Gratwanderung zwischen Tragik und Komik so gut funktioniert, ist den tollen Jungdarstellern zu verdanken. Und der Tatsache, dass hier jemand am Werk war, der die Tropen und Funktionsweisen des Genres in und auswendig kennt. Spielerisch und in schmucker Ausstattung wird mit Vampir- und Teeniefilm-Klischees jongliert, ja ein ganz neuer Mythos kreiert. Denkanstöße zu mentaler Gesundheit und Sterbehilfe inklusive. Das Ergebnis ist ein „Amélie“ für die Emo-Generation. Ein Anti-„Twilight“ für Hipster und Outcasts. Und das ist, man mag es kaum glauben, nicht ansatzweise so nervig, wie es sich anhört.