Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Mo Harawes Spielfilmdebüt über eine somalische Patchworkfamilie feierte als erster jemals gezeigter somalischer Beitrag Premiere in Cannes und wurde bei der Viennale 2024 als bester österreichischer Film ausgezeichnet.
Mamargade, der sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt, lebt mit seinem 8-jährigen Sohn Cigaal und seiner frisch geschiedenen Schwester Araweelo in einem kleinen somalischen Dorf. Der fiktive Film schildert ihren von finanziellen Sorgen geprägten Alltag, zwischen Drohnenangriffen, Träumen, Hoffnungen, Lügen und familiärem Zusammenhalt.
Der in Mogadischu geborene Regisseur Mo Harawe, zog 2009 nach Österreich und absolvierte ein Filmstudium in Deutschland. In „A village next to paradise“ zeigt er Somalia jenseits von Medienberichten über Piraten und Terrormilizen und mit dem Ziel möglichst viel über die Lebensumstände und Einwohner zu erzählen. In Somalia gibt es weder Kinos noch Schauspieler. Gedreht wurde an realen Schauplätzen und ausschließlich mit Laiendarstellern. Für Mo Harawe Herausforderung und Glück zugleich. Die Lebensart und Mentalität der somalischen Dorfbewohner erschließt sich ganz natürlich und in der Darstellung des jungen Sohnes (Ahmed Muhammad Salesian) ungemein berührend und voll Ausstrahlung. Ungewöhnlich sympathisch war auch die Vorgangsweise beim Casting-Prozesses, der im Fall des Kindes neben Probeaufnahmen auch ein 5-minütiges Blickduell enthielt, um seine Konzentrationsfähigkeit zu testen.
Insbesondere der Umgang mit Zeit und Sprache unterscheidet sich deutlich von jenem, den man in Mitteleuropa gewohnt ist. Im Dorf passiert nicht viel. Jeder weiß über die anderen Bescheid. Hier herrscht keine Eile. Da es nicht viel zu erzählen gibt, wird langsam gesprochen und trotz eingeschränkter Bildungsmöglichkeiten: voll Poesie. Das Schweigen zwischen den kurzen Sätzen hat ebenso viel Gültigkeit wie die Worte. Was zu sagen ist, wird indirekt ausgedrückt. Persönliche Erzählungen werden vom Gegenüber sehr erstaunt zur Kenntnis genommen.
Cigaal erzählt seine Geschichten in Worten und Bildern, solange seine Träume es zulassen. Ein Glück, dass auch der Regisseur ihm gleichtut. Vieles an diesem fernen Land ist fremdartig und schön. Man kann Mo Harawe nur danken, dass sein Film es uns mit solcher Sensibilität und so viel Charme näherbringt.