Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Die Handyvideos und Social-Media-Beiträge, die an vielen Stellen des 167 Minuten langen Werks zu sehen sind, lassen einem beim Zuschauen immer wieder den Atem stocken, beweisen diese doch auf eindringliche Weise, wie real und aktuell die Situation im Iran ist. Blutig, brutal, verstörend – eine solche Aufnahme endet sogar direkt mit einem Schuss auf die Person, die die Kamera auf das unsagbare Grauen gerichtet hat. Vor dem Hintergrund der Proteste nach dem gewaltsamen Tod der jungen Frau Mahsa Amini im September 2022 durch die iranische Polizei und deren Versuch, ihre direkte Verantwortung dafür zu leugnen, legen sie Zeugnis davon ab, wie tief die ideologischen Gräben im Iran hinsichtlich des freien Willens und der Lebensvorstellungen vor allem der weiblichen Bevölkerung des Landes sind. Frauenrechtsaktivisten und Regimegegner zog es daraufhin wochenlang auf die Straßen, auch international sorgte der Fall für großes Aufsehen und für eine Welle der Solidarität, während der religiöse Führer des Iran, Ayatollah Khamenei, die Aufstände als „Verschwörung von außen“ abzutun versuchte. Einen Film vor diesem Hintergrund zu drehen, der einerseits als Politthriller und Familiendrama und andererseits als Politdrama und Familienthriller funktioniert, ist in diesem Land schon von vornherein ein äußerst riskantes und höchst gefährliches Unterfangen. Mohammad Rasoulof galt zudem bereits lange vorher als ein erklärtes Feindbild der iranischen Zensurbehörden und wurde daher auch bereits drei Mal zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, zuletzt auch während der Mahsa-Amini-Proteste.
Den Mut und die Kühnheit, trotz all dieser Repressalien an seiner filmischen Tätigkeit und Regimekritik festzuhalten, muss man ihm angesichts dessen hoch anrechnen. Aber auch die Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich wissentlich und willentlich für dieses brisante Projekt bereiterklärt haben, verdienen große Anerkennung, und sie alle spielen ihre Rollen bravourös, wobei ich hier vor allem die Matriarchin der Familie, Soheila Golestani als Najmeh, hervorheben möchte, gegen die für ihre Beteiligung an diesem Film gegenwärtig in Teheran ein Verfahren läuft. In den knapp drei Stunden inszeniert Rasoulof eine packende, erschütternde und ungemein spannende Geschichte über einen Mann, dessen Beteiligung am Regierungsapparat die Sicherheit und Stabilität seiner Familie bedroht.
Iman (Missagh Zareh) wird zum investigativen Richter am Revolutionsgericht in Teheran ernannt, was ihm ein höheres Einkommen und eine bessere Wohnsituation für seine Frau Najmeh und die beiden Töchter Rezvan (Mahsa Rostami) und Sana (Setareh Maleki) bietet. Eigentlich ein frommer, ehrlicher und gerechtigkeitstreuer Anwalt, wird er mit dem politischen Ausmaß und ethischen Dilemma seiner neuen Aufgabe konfrontiert, als er einfach so Todesurteile unterschreiben soll, ohne die jeweiligen Fälle dazu begutachten zu können, was ihn zu einem weiteren Instrument des Regimes macht. Aus diesem Grund ist seine Anonymität wie auch die seiner Familie unerlässlich, was besonders den beiden Töchtern sehr schwerfällt und worüber sie mit den Eltern immer wieder aneinandergeraten, auch als Rezvans beste Freundin Sadah während der gewalttätigen Proteste schwer verletzt wird. Als dann wenig später die Pistole, die Iman beim Amtsantritt zu seinem persönlichen Schutz überreicht bekommen hat, spurlos verschwindet, wird der ohnehin schon sehr gestresste und psychisch erschöpfte Familienvater noch paranoider und droht, seine Familie endgültig gegen ihn aufzubringen.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen – Rasoulof konnte den Film nur aus einer sicheren Entfernung inszenieren – gelingt ihm hier ein eindringliches Dokument einer von politischen Unruhen gebeutelten Republik. Mit viel dramaturgischem Geschick baut er einen großen Spannungsbogen auf, der besonders in der letzten halben Stunde eine ungeheure Intensität gewinnt. Die Thrillerelemente des Films überschatten aber nicht die politische Dimension der Handlung und man muss ob der zunehmenden Entmenschlichung des Richters, der von seinem Job völlig vereinnahmt ist, seine Loyalität gegenüber seiner Familie in Zweifel ziehen. Rasoulof schildert eindrucksvoll, wie das repressive Regime seine Mitarbeiter korrumpiert, er hatte nach eigener Aussage die Figur des Iman entwickelt, nachdem er sich eingehend mit den Richtern in seinen eigenen Prozessen auseinandergesetzt hatte.
„Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ – der, weil er in Deutschland koproduziert wurde, dessen Beitrag zum diesjährigen Auslands-Oscar ist, was ich persönlich für eine sehr fragwürdige Entscheidung halte – ist ein wichtiger wie auch gewichtiger Film, der ein Licht auf die politisch wie gesellschaftlich brandgefährliche Lage im Iran wirft und vor allem auch dank seiner dichten Inszenierung nachhaltig beeindruckt.