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  • Bewertung

    Neue Gefühle in alten Achterbahnen

    Exklusiv für Uncut
    Bisher hatte sich Pixar diszipliniert gegen Disneys Sequel-Wut gewehrt, mit „Inside Out 2“ (dt. „Alles steht Kopf 2“) tappt die erfolgreiche Animationsfirma in die gleiche Falle der cineastischen Langeweile. Hatte der erste Teil im Jahr 2015 neben dem fetten 800-Millionen-Dollar-Box-Office-Erfolg noch Jung und Alt begeistert, mit liebevollem Charisma und Tiefgang überzeugt und gar zu Tränen gerührt, funktioniert die Fortsetzung nur noch mit Abstrichen. Woran scheitert der lauwarme Aufguss, wieso unterhält er trotzdem und weshalb steckt ein harmloser Kinderfilm bis zum Hals in philosophischen Schwierigkeiten?

    Apropos Langweile. Es tauchen neue Emotionen in Rileys Denken auf. Neid, Scham, innerem Zweifel (Anxiety) und eben die Langeweile kommen aus dem Nichts und sorgen für Chaos. Wir erinnern uns: Riley ist die Protagonistin des emotionalen Gefechts, dem wir seit ihrer Kindheit folgen, vom ersten Öffnen der Augen bis jetzt zur Pubertät. Wollte sie früher nach einem Umzug aus der neuen Stadt noch weglaufen, hat sie sich mittlerweile eingelebt, verbringt Zeit mit Freundinnen und ist der Star des Eishockey-Teams. Vor Kurzem hat sie 13 Kerzen auf der Geburtstagstorte ausgepustet. Doch in erster Linie sind wir Teil der Truppe, die in Rileys Kopf die Hebel in der Hand hält und sie steuert. Wir feiern ein Wiedersehen mit den vermenschlichten Gefühlen namens Freude, Kummer, Ekel, Angst und Wut. Vormals noch uneinig, herrschen jetzt Ruhe und Zusammenarbeit. Die derzeitige Kooperation läuft aber nur so lange gut, bis die neuen, komplexeren Emotionen unter Leitung der Anxiety die Kontrolle an sich reißen. Und bis ein roter Knopf mitten in der Nacht hell aufleuchtet und sich Rileys Verstand für immer verändert – die Pubertät steht vor der Tür!

    Zackig, pointiert und mit einigen guten Ideen ausgestattet sind die Dialoge, die sich mit neuen Herausforderungen herumplagen müssen. Anstatt Stärkung der Familie stehen Freundschaften im Mittelpunkt. Riley kommt in ein Hockey Camp und muss ihren Platz finden. Weg von alten Freundinnen, von kindlicher Unschuld und moralischer Integrität hin zu einer neuen Gang mit Wettkampf und Konkurrenzdenken? Muss sie die Ellbogen ausfahren, um im Team zu bleiben? Wohin mit den angelernten Tugenden im Angesicht der rabiaten Umwelt?

    Aus den tiefen Fußstapfen seines Vorgängers tritt „Alles steht Kopf 2“ nie. An späterer Stelle wiederholt sich die Handlung des ersten Films, Rileys Hinterkopf-Räume sind aber kaum renoviert, viele Eindrücke bekannt. Währenddessen ermüden die ewig gleichen Grabenkämpfe der anthropomorphen Emotionsfiguren, derer drei von vier erstaunlich blass bleiben. Da gibt es sogar eine Art wildgewordenen Bösewichts. Dabei hatte das Fehlen simpler Gut-Böse-Dualismen den ersten Film noch bereichert. Innerhalb von Rileys Kopf bis aus wenige, witzige Ausnahmen also lediglich dürftige Neuerungen. Dafür nimmt die Welt außerhalb bessere Formen an. Interaktionen, Entscheidungen, stark animierte Eishockeyspiele, freundschaftliche Beziehungen. Hier ist die Welt griffig und plausibel, hier gelingt der Coming-of-Age-Ansatz.

    Den größten Kritikpunkten, die auch schon „Alles steht Kopf“ begleiteten, stellt sich Teil 2 nicht. Dass die Menschen rein von Emotionen getrieben werden, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen, sie völlig fremdbestimmt sind und keinen eigenen Willen haben, sind philosophisch gut begründbare Probleme, die weder verhandelt noch aufgelöst werden. Spontane Stimmungsschwankungen und fast schon multiple Persönlichkeiten bei Riley ließen sich noch auf ihr kindliches Gemüt zurückführen, wobei Teil 2 die Frage nach dem Selbst, nach der eigenen Identität vehement stellt. Bis auf die küchenpsychologische Trivialität, dass unser Charakter von mehreren Erinnerungen und Emotionen gespeist wird, hinterlässt die Story jedoch mehr Fragezeichen als Antworten. Nur mit Freude und Hedonismus kommen wir nicht durchs Leben, welch bahnbrechende Erkenntnis. Für einen Kinderfilm wäre diese Einfachheit in Ordnung, würde nicht ein umstrittenes Bild der menschlichen Psyche gezeichnet. Über den Status, dass Organismen wie eine geölte Maschine mit breiten Rohren, schweren Kugeln und langen Hebeln funktionieren, sind wir seit über 300 Jahren seit René Descartes hinweg. In Riley wirkt aber weiterhin ein industrialisierter Motor, der die Individualität menschlicher Existenzen vergisst. Und selbst das war 2015 noch verschmerzbar, hatten doch Humor und Originalität die Überhand.

    Fazit: Herzlich willkommen im Disneyland der lauen Fortsetzungen. Nicht viel ist mehr übrig von der kuriosen Ursprungsidee, vom gefühlvollen Score, dem Feuerwerk humorvoller Ideen. Dafür schafft es „Alles steht Kopf 2“ beinahe den ersten Teil zu spiegeln, ist doch die Handlung im Grunde dieselbe – mit gleichem Abenteuer durch Rileys Bewusstseinsachterbahn, ähnlichem Output, aber ohne die Melancholie und Schwere. Das animierte Psychogramm der anderen Art ist überschwemmt von Potential, verliert sich aber in kraftlosen Konventionen. Zweifellos zeitweilig unterhaltsam und sehenswert durch Kinderaugen, enttäuscht die Fortsetzung in weiten Teilen und so wird ein weiteres unoriginelles Sequel genauso verblassen wie Rileys Erinnerungen an eine bessere verfilmte Kindheit.
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    (André Masannek)
    12.06.2024
    01:00 Uhr
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