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    Ein Zeichen der Unschuld zwischen Terror und Krieg

    Exklusiv für Uncut
    Im Alter von gerade mal 26 Jahren gelang dem gebürtigen Salzburger Adrian Goiginger 2017 eine wahre Sensation im gediegenen Austro-Kino. Mit dem Drama „Die Beste aller Welten“ erzählte er seine eigene Kindheitsgeschichte mit einer heroinsüchtigen Mutter nach. Eine Geschichte, in der trotz innerer Dämonen die mütterliche Liebe die Oberhand behält: ganz ohne moralische Zeigefinger, dafür einer ans Herz angehenden Mischung aus roher Milieustudie und entzückender Märchenparabel aus den Augen eines Kindes. Der Film fand allerorts Anklang, selbst Kritik und Publikum schienen gleichermaßen begeistert. Es schien, als wäre ein neuer Stern am österreichischen Regiehimmel aufgegangen. Goigingers Folgefilm, der im letzten Sommer erschiene und auf einem gleichnamigen Theaterstück von Felix Mitterer basierende Aussteigerfilm „Märzengrund“ blieb aber in vielerlei Augen hinter den Erwartungen zurück. Kam das ganze Lob etwa zu voreilig? Gewiss nicht: mit seiner dritten Regiearbeit beweist der heute 31-Jährige nämlich eindrücklich, dass er keineswegs eine Eintagsfliege ist.

    In „Der Fuchs“ widmet sich Goiginger erneut dem außergewöhnlichen Leben eines eigenen Familienmitglieds. Diesmal dreht er das Rad der Zeit aber noch eine Spur weiter zurück, im Zentrum der Geschichte steht nämlich sein Urgroßvater Franz Streitberger. Als Kind von einfachen Bergbauern aus dem Pinzgau wuchs Franz einst in ärmlichen Verhältnissen auf, bis er eines Tages ohne Ankündigung an einen wohlhabenderen Großbauern verkauft wurde. Ein traumatisierendes Schicksal für den Jungen, das unheilbare Wunden hinterlassen hat. Kaum hat er im Erwachsenenalter (Simon Morzé) seine Freiheit zurückerlangt, geht es für ihn gleich weiter zum Militär. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges irrt er als Soldat weiter vor sich hin, auf der Suche nach der eigenen Identität, geplagt von den Schatten der Vergangenheit. Doch dann findet der schüchterne junge Mann in den Wäldern Frankreichs plötzlich ein verletztes Fuchsjunges vor. Er hilft dem verwundeten Tier aus seiner Misere und nimmt es mit auf seine weiteren Reisen. Es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem emotional verwahrlosten Soldaten und dem pelzigen Vierbeiner. Seiner Vergangenheit kann er aber dennoch nicht gänzlich entrinnen.

    In diesem pazifistisch angehauchten Kriegsdrama wird die Verbundenheit zwischen Mensch und Tier zum symbolischen Ausdruck der Hoffnung in einer von Krieg, Verwüstung und Verzweiflung gezeichneten Welt. Konkret ist es eben die liebenswerte Beziehung zwischen Streitberger und seinem kleinen Fuchs, die das emotionale Kernstück bildet. Eine Freundschaft zu einem Fuchs hätte in falschen Händen in ein filmisches Desaster ausarten können, Goiginger verzichtet dankenswerterweise aber auf billige Computer- oder überteure Puppentricks. Stattdessen hat man den Drahtseilakt gewagt, mit einem echten, dressierten Wildtier zu drehen. Mission gelungen: das Tierchen ordnet sich mühelos in das trostlose Setting des Films und dürfte auch die Herzen des Publikums in Sturm erobern. Er ist erstaunlich wie viel rohe, aufrichtige Emotion der Film aus der Dynamik Mensch-Fuchs entziehen kann. Eine Aufgabe, die auf den Schultern von Hauptdarsteller Simon Moerzé lastet und dieser – in Kombination mit der inneren Zerrissenheit seiner Figur - mit bravouröser Beherrschung meistert.

    Abseits der herzerwärmenden Freundschaftsgeschichte im Kern hält der Film auch atemberaubende Schauwerte parat, die sich ästhetisch nicht einmal vor amerikanischen Vorbildern verstecken muss. Selten hat ein in Österreich produzierter Kriegsstreifen ein derart aufwändiges Produktionslevel vorweisen können, angefangen bei den Schlachtfeldern, über die detailreichen Dorfszenerien hin zu der imposant aufgenommenen Strandpromenade. Zumal das 4:3-Format der pittoresken Schönheit des Antikriegsfilms gerecht wird.

    Kritisieren ließe sich dagegen die ein oder andere Länge: so öffnet der Film beispielsweise einen romantischen Nebenhandlungsstrang, der sich wirr und etwas zu melodramatisch im Sand verläuft. Stichwort Melodrama: in manchen, wenngleich zum Glück wenigen Momenten will man zu bemüht auf die Tränendrücke der Zuschauer*innen drücken.

    Diese Kritikpunkte sind aber in ihrer Gesamtheit lediglich eine Randerscheinung. Mit „Der Fuchs“ zementiert sich Goiginger nämlich zweifelsfrei als eine der spannendsten Stimmen des gegenwärtigen österreichischen Kinos. Ein einfühlsam erzähltes Charakterdrama. Eine wehmütige Reflexion über verlorene Kindheit. Eine lebensbejahende Ode an ungewöhnliche Freundschaften.
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    (Christian Pogatetz)
    11.01.2023
    20:38 Uhr