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    Das uralte Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Ein Schafhirte wandert mit seinen tausend Schafen über Hügel und Klippen, durch endlose Weiten, durchquert Bäche, um in das Herz der Anden zu kommen. Vor dem Antritt seiner Reisen trifft den Nomaden die Ungewissheit, ob es die letzte sein könnte.
    Als er jedoch nach einiger Zeit oben in einem Flachland ankommt, verspürt der Hirte Einsamkeit, Isolation und die Vergänglichkeit der Zeit. Nach und nach verliert er sich in der Abgeschiedenheit der Berge, während seine Träume wie Geister auftreten.

    Für drei aufeinanderfolgende Sommer begleitete die Kamera von Diego Acosta den Nomaden Don Cucho und seine tausend Schafe bei ihrem Aufstieg in das Gebirge der Anden. Dabei fängt der chilenische Regisseur die unfassbaren Landschaften und die Arbeit des Schafhirten mit seinem Vieh ein und teilt seine Erfahrung mit dem Publikum. Bei dem Internationalen Filmfestival von Valdivia gewann seine experimentelle Dokumentation den Preis für den besten chilenischen Film.

    Auf Bildebene zeigt Diego Acosta die Geschichte des Nomaden in Schwarz-Weiß. Das körnige, kontrastreiche 16mm-Format mit seinen Flecken und Kratzern erinnert an die Ursprungsform des Films. Künstlerisch schöpft er das unvollkommene Material zur Gänze aus und hebt sein Werk dadurch auf die experimentelle Ebene. Spielerische Kompositionen der visuellen Szene zwischen Dunkelheit und Licht werden von der Wahrnehmung des Zuschauers zum Teil sogar unbewusst in komplexere Zusammenhänge gestellt. Die abstrakte, gefinkelte Tonspur trägt das ihre dazu bei und dramatisiert das Geschehen. Die unbekümmerte Montage, Zeitrafferfotographie und verschiedene Laufgeschwindigkeiten lassen die Herstellung von räumlichen, zeitlichen, rhythmischen und graphischen Beziehungen zwischen Einstellungen und Einstellungsfolgen etwas „gewürfelt“ erscheinen. Die Anschlussstücke der Montagen sind dabei nicht immer eindeutig, weshalb der Zuschauer versucht, sie mit seiner Kenntnis vorhandener Erzählmuster in Einklang zu bringen. Der stilistischen Erzählweise ist die Auffassung zu entnehmen, dass Natur und Kultur in der modernen Zeit ihr uraltes Gleichgewicht verloren haben.

    Wie bei „Koyaanisqatsi“ (1982) ist „Al amparo del cielo“ in seiner übertriebenen Abstraktion dem neuen, sinnlichen, reizvollen Kino zuzuordnen, bei dem das Publikum auch Filme ohne Handlung anerkennt, wenn sie wichtige Ideen eingängig und ungekünstelt präsentieren und eine originelle, neuartige Darstellung der Welt schaffen, die zu originellen, neuartigen Fragestellungen führen soll.

    Die Träume vom Maultiertreiber Don Cucho, die im 16mm-Format eingefangen sind, werden über die Leinwand im Kinosaal vom Publikum wahrgenommen und erlauben dem Zuschauer eine künstlerische Erfahrung. Das Kino ist schließlich der ideale Ort, um einen nostalgischen Traum über die verlorene Zeit in unserer Einbildungskraft zu erwecken.
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    12.11.2022
    12:39 Uhr