Filmkritik zu Aftersun

Bilder: Stadtkino, A24 Fotos: Stadtkino, A24
  • Bewertung

    Trip down memory lane

    Exklusiv für Uncut
    Erinnerungen sind ein seltsames Gut: sie kommen und gehen, nehmen mit der Zeit eine andere Gestalt an oder bleiben manchmal bis ans Lebensende unvergessen. Welche Informationen und Erlebnisse das Hirn richtig abspeichert und welche verzerrt, das bleibt meist ein Rätsel. Selbstverständlich brennen sich prägsame Momente im Regalfall ins Langzeitgedächtnis ein, doch verformen sich selbst diese des Öfteren mit der eigenen Wahrnehmung und Erfahrung. Es ist fast so, als würden Erinnerungen ein Eigenleben führen, so unkontrolliert und zersplittert sie sich in unserem Kopf abspielen. Diese Fragmentierung, die der Natur der menschlichen Erinnerung obliegt, hat Regisseurin Charlotte Wells in ihrem Sensationsdebüt „Aftersun“ bemerkenswert zur filmischen Form verarbeitet.

    Inspiriert von eigenen Erfahrungen, blickt Wells in dem knapp 100-minütigen Drama auf einen Vater-Tochter-Urlaub zurück. Genau gesagt schwelgt Sophie, die wir in erwachsener Form nur blitzhaft zu Gesicht bekommen, kurz vor ihrem 30. Geburtstag in Erinnerungen an diese zwanzig Jahre zuvor geschehene Reise. Ende der 90er-Jahre unternahmen die damals 11-Jährige (Frankie Corio) und Papa Calum (Paul Mescal) einen Trip in ein türkisches Baderesort. Voller Neugierde erkundet das wissbegierige Mädchen die Umgebung, macht neue Bekanntschaften und wird von präpubertären Gefühlen heimgesucht. Ihr Vater liegt unterdessen spürbar mit sich selbst im Clynch: Calum versucht sein Bestes, um seiner Tochter ein sorgsames Vorbild zu sein, wird aber immer wieder von einer angedeuteten Depression überwältigt.

    Mittels verworrener Camcorder-Aufnahmen erinnert sich Protagonistin Sophie an den unvergesslichen Urlaub zurück, Lücken werden im Kopf zu einem flüssigen Ganzen zusammengeflickt. Wells lässt dem Publikum Teil an Sophies Gedankenwelt haben, in dem der Film zu weiten Teilen am kindlichen Blick der 11-jährigen Version der Protagonistin haftet. Doch in Wahrheit ist die kindliche Unschuld längst vorüber und wenig mehr als ein Schein, ein Trugbild, das nostalgisch an vermeintlich freudige Zeiten zurückblicken lässt, über die unbemerkt ein großer Schleier der Melancholie hing. So werden die fragmentiert ablaufenden Versatzstücke der Erinnerung andauernd von surreal anmutenden, hypnotisch aufbereiteten Clubszenen durchbrochen, die unausgesprochene Konflikte und potentielle Traumata suggerieren. Beeindruckend ist zudem, wie man sich hier einer Vielzahl an Pop-Hymnen á la „Losing My Religion“, „The Tide is High“ oder als emotionales Kernstück „Under Pressure“ bediente, um Gefühlslagen der beiden Hauptfiguren kraftvoll zu transportieren. Abseits der raffinierten und dem emotional intelligenten Drehbuch sind es aber die zwei famosen Hauptdarsteller*innen, die das europäische Badeort-Flair mit Leben und Temperament füllen. Newcomerin Frankie Corio verzückt mit einer der glaubwürdigsten Kinderdarstellungen der letzten Jahre, Paul Mescal dürfte sich für seine voller roher Emotion geladene Darbietung eventuell sogar in die Herzen der Oscar-Wähler*innen spielen.

    „Aftersun“ fordert das Publikum auf, zwischen den Zeilen zu lesen: vieles wird lediglich andeutet und die Deutungshoheit schließlich dem Zuschauer überlassen. Trotz oder genau wegen der experimentellen, collagehaften Form erweist sich das Drama nämlich als rührendes, bildgewaltiges und lebhaftes Kinoerlebnis, das mit Sicherheit nicht so bald aus dem Gedächtnis schwinden wird.
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    (Christian Pogatetz)
    09.01.2023
    17:00 Uhr