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  • Bewertung

    Wahrheit auf dem journalistischen Prüfstand

    Exklusiv für Uncut
    „Da muss man nur mal ins Netz schauen“ - mit diesen Worten richtet sich der Ressortleiter des Nachrichtenmagazins „Chronik“ an Juan Romero, der soeben einen Medienskandal aufgedeckt hatte. Romero solle nur ins Internet schauen, dort würde er die Wahrheit schon finden. Eine Aussage, die jede vorstellbare Ironie enthält, ist es doch das Internet, in welchem sich unzählige Nicht-Wahrheiten tummeln, in welchem sich jede Person seine eigene Wirklichkeit bauen kann.

    Andererseits stellt sich die philosophische Frage, was denn die Wahrheit überhaupt sei, bzw. anhand welcher Kriterien wir die Wahrheit erkennen können. Wenn wir schlafen, werden wir getäuscht und sind der Meinung, wir wären in der Realität. Ein Strohhalm im Wasserglas erzeugt eine optische Verzerrung. Stellt beides die Wahrheit und die Wirklich dar? Können wir unseren Augen trauen? Sind unsere Sinneswahrnehmungen verlässlich? Seit Jahrtausenden suchen Philosoph*innen nach einer Antwort auf diese Frage, der auch Michael Bully Herbig in seinem neuen Werk, der Mediensatire „Tausend Zeilen“, nachgeht.

    In der heutigen Zeit wird die Frage nach der sicheren Erkenntnis auf die Spitze getrieben. Das Internet und Trumpsche Fake-News spielen ein hinterlistiges Spiel mit dem vermeintlichen Wissen der Menschen. Bully nutzt diese Stimmung und stellt einen realen Fall nach. Claas Relotius (im Film: Jonas Nay in der Rolle des aufstrebenden Star-Journalisten Lars Bogenius) fingiert von 2012 bis 2016 mehr als 100 Reportagen für diverse Medienhäuser, er denkt sich seine Artikel einfach aus. Das Gros falscher Texte schreibt er für den Spiegel, dessen Imitat im Film das Magazin „Chronik“ ist. Der freie Spiegel-Journalist Juan Moreno (im Film: Elyas M’Barek als Juan Romero) kommt Relotius/Bogenius auf die Schliche und deckt 2018 den Skandal auf. Sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“ dient als Vorlage für das Drehbuch von Hermann Florin.

    Bully konstruiert einen Mix aus humorvoller Mediensatire und halbseriöser Gesellschaftskritik. Inszenatorisch greift er auf eine Fülle filmischer Mittel zurück, um die Zusehenden bei Laune zu halten. Da erleben wir eingefrorene Screens, vor- und rücklaufende Zeitlupe, schnelle Schnitte, farbliche Kontrastierung der Handlungsräume (rot-braunes Mexiko vs. kaltblaues Hamburg), eine poppig-zackige Musik und das mehrfache Durchbrechen der vierten Wand. Damit symbolisiert Bully in gewisser Weise die eigene Konstruktion der Handlung, an die wir glauben müssen. Stellvertretend steht dafür die Sequenz, in der Romero sich seine eigene Wahrheit aus Internetquellen zusammenbastelt. Wir, als Zusehende, müssen selbst beurteilen, ob diese gestaltete Wahrheit eine bessere ist als die, die sich Bogenius ausgedacht hat. Später gelten nicht mehr das Internet, sondern ein Personalausweis und ein Foto als sichere Beweise. Als ob diese nicht auch gefälscht werden könnten. Ein Fundament sicherer Erkenntnis zu finden, gestaltet sich zunehmend als schwierig…

    Trotz der stimmigen Darstellung bleibt das Drehbuch nur an der Oberfläche. Der Cast spielt zumindest solide, steht aber keiner Herausforderung gegenüber. Weder Dialoge noch Kernaussage des Films können endgültig überzeugen. Polemisch formuliert hat der Film keine eigene Haltung, keine eigene Meinung zu den angesprochenen Themen. Systemische Auswucherungen des Skandals werden nicht thematisiert, die Vorfälle bleiben am Individuum haften, welches jedoch nicht allein für dieses Ausmaß falscher Artikel verantwortlich sein kann. Strukturelle Fehler der Medienbranche sollen in der Figur des Bogenius kanalisiert werden, was aber ganz und gar nicht gelingt. Bogenius bekommt keinerlei Motiv oder Charakter, hier wäre eine Differenzierung aufschlussreich gewesen.

    Fazit: Bullys neuer Fake-Film über den authentischen Medienskandal ist unterhaltsam, kurzweilig, leicht verdaulich, aber oberflächlich. Die aufgeworfenen Fragen stellen interessante Sachverhalte dar und eine Auseinandersetzung mit Film & Themen lohnt sich allemal. Bisweilen könnte ein ernsterer Anstrich die Satire aufwerten, ganz zu schweigen von der für einen Sonntagabendfilm im Öffentlich-Rechtlichen typischen, aber extrem belanglosen Nebenhandlung zu Romeros Familie. Aufgrund der plumpen, simplen Vereinfachung der Geschehnisse mit Reißbrett-Figuren nach dem Gut-Böse-Schema ohne das Anreißen struktureller Probleme wird der Film nicht von einer Positionierung als sonntäglicher TV-Film wegkommen.

    Doch vielleicht wurde diese Rezension auch nur geschrieben, um aufs Glatteis zu führen. Obwohl es für beide objektive Maßstäbe gibt, sind Wahrheit und Filmkritik gleichermaßen subjektiv eingefärbt.
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    (André Masannek)
    28.09.2022
    16:29 Uhr
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