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  • Bewertung

    Im Garten der Sühne

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Außenseiterfiguren in unscheinbaren Jobs, Antihelden mit dunkler Vergangenheit, zerstörwütige Männer auf der Suche nach Vergebung: manch einer würde meinen, dass Paul Schrader seit Jahrzehnten denselben Film dreht. Auch wenn diese These im Endeffekt natürlich nicht der kompletten Wahrheit entspricht, lässt sich in den Werken des 76-Jährigen gewiss thematische Kontinuität erkennen. Angefangen mit dem Drehbuch zu Martin Scorseses Meisterstück „Taxi Driver“ (1976) über frühe Regieversuche wie „Blue Collar“ (1978) hin zu Spätwerken wie „First Reformed“ (2018): Schrader zeigte stets eine Faszination mit gebrochenen Männerpsychen und Figuren am Rande der Gesellschaft. Der zuallerletzt erwähnte Film legte den Grundstein für eine bislang unbetitelte Trilogie im Schaffen Schraders, die zwar nicht inhaltlich, dafür aber thematisch eng miteinander verbunden ist. In „First Reformed“ erzählte er von einem depressiven Priester, der mit den unvermeidbaren Folgen des Klimawandels konfrontiert wird. In „The Card Counter“ widmete er sich einem talentierten Pokerspieler, der von den Geistern von Abu Ghraib heimgesucht wird. Im abschließenden Teil „The Master Gardener“ geht es nun um einen auf den ersten Blick wenig auffallenden Gärtner, der - wie sollte es auch anders sein - ebenfalls eine düstere Vergangenheit mit sich trägt.

    Narvel Roth (Joel Edgerton) ist ein wahrer Connaisseur seines Handwerks. Tagein, Tagaus pflegt er die großflächige Gartenanlage der wohlhabenden Mrs. Havervill (Sigourney Weaver) – ein Job, dem er mit großem Vergnügen und fachlicher Expertise nachgeht. Nachts wird der Gärtner jedoch immer wieder von den Schreckenstaten vergangener Tage geplagt – sein ruhevolles Auftreten ist nämlich wenig mehr als ein Bewältigungsmechanismus, um mit seinem ehemaligen Ich klarzukommen: dem Dasein als Neo-Nazi. Hakenkreuze und andere Symbole der White Supremacy zieren weiterhin seinen muskulösen Oberkörper, von den Ideologien, denen er früher blind gefolgt war, hat er sich aber längst abgesagt und mithilfe eines Zeugenschutzprogramms einen Neustart gewagt. Die ewige Last der Schuld bereitet den Berufsbotaniker aber weiterhin schlaflose Nächte.

    Einmal mehr scheint es Schrader ein großes Anliegen gewesen zu sein, sein Publikum mit schmerzhaften Fragen zu konfrontieren. Wie viel sollte einem Mensch verziehen werden? Ist es überhaupt möglich, genug Buße zu leisten, um je wieder den Pfad der Vergebung betreten zu können? Fragen, mit denen auch Protagonist Narvel mehrfach konfrontiert wird, als er ein romantisches Verhältnis zu der afroamerikanischen Mitarbeiterin Maya (Quintessa Swindell) eingeht. Der zärtliche Kern der sich anbahnenden Romanze steht im bewussten Ungleichgewicht zu den gewaltvollen Taten, die über Rückblenden angedeutet werden. Wie gewohnt stellt sich Schrader der moralischen Ambiguität seiner Hauptfigur mit brachialer Schonungslosigkeit und ohne Rücksicht auf Vorlieben des Publikums. Allein aufgrund der sensiblen Thematik wird das Drama daher die Gemüter zweifelsohne spalten. Wer aber über die kontroverse Natur hinwegsehen kann, wird in einigen Momenten mit poetischer Melancholie belohnt, die Schrader wie kaum ein anderer Filmemacher beherrscht. Die übliche Trostlosigkeit wird hier jedoch mit einem Funken Hoffnung ausgeglichen, der im angenehmen Kontrast zum früheren Nihilismus Schraders steht. Das „Taxi Driver“-Mastermind meinte in einer in Venedig stattgefundenen Masterclass selbst: „Einst war ich jemand, der niemals die Welt verlassen wollte, ohne je „Fick dich!“ gesagt zu haben – heute würde ich die Welt nie verlassen wollen, ohne je „Ich liebe dich!“ gesagt zu haben“. Und diese spürbare emotionale Reife bleibt am Ende trotz einzelner pathetischer Momente und trotz eines naiv-versöhnlichen Beigeschmacks die große Stärke dieses Charakterdramas.