Filmkritik zu The Whale

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    Mensch oder Monster?

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    „Steinzeit Jr.“, „George aus dem Dschungel“, „Die Mumie“: im Kino der 1990er- und frühen 2000er-Jahre ist man schwer um die Filmografie von Brendan Fraser herumgekommen. Lange galt der Amerikaner als einer der bekanntesten und profitabelsten Gesichter der Filmindustrie. Als 'leading man' führte er mehrere große Blockbuster an, erzielte hohe Einspielergebnisse an den Kinokassen und erfreute sich auch als Privatperson beim Publikum großer Beliebtheit. Doch dann schien sein Stern, ganz wie aus dem Nichts, auf einmal verglommen. Der frühere Superstar zog sich Schritt für Schritt aus dem Rampenlicht zurück und tauchte nur mehr sporadisch in Filmrollen auf. Wie sich später herausstellen sollte, war das alles andere als eine persönliche Entscheidung des Schauspielers. Vor wenigen Jahren gab Fraser nämlich bekannt, einst von einem Produzenten sexuell belästigt worden zu sein. Als er versuchte, den Vorfall zu melden, wurde er von Hollywood auf die schwarze Liste gesetzt und eiskalt fallen gelassen.

    Jetzt wird der ehemals gefeierte Filmstar ausgerechnet von der Industrie, die ihn damals verstoßen und im Stich gelassen hatte, mit offenen Armen zurück empfangen. Nach einzelnen Versuchen, mit kleinen Film- und Seriennebenrollen wieder im Schauspielgeschäft Fuß zu fassen, steht mutmaßlich nun die ganz große Rückkehr bevor - und das unter der Regie einer respektablen Größe. Kein Geringerer als Darren Aronofsky (u.a.: „Requiem For A Dream“, „Black Swan“) hat Fraser für die Hauptrolle in seinem neuen Projekt engagiert. Mit „The Wrestler“ hatte der renommierte Filmemacher bereits dem abgehalfterten Mickey Rourke zu einem furiosen (wenn auch kurz andauernden) Comeback verholfen - alle Zeichen deuten darauf hin, dass er Fraser mit „The Whale“ dieselbe Wohltat erweisen wird.

    In der ergreifenden Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von Samuel D. Hunter ist der „Die Mumie“-Star kaum wieder erkennbar. Samt entstellendem Make-Up und Fatsuit verkörpert er Charlie, einen schwer übergewichtigen Mann am Rande des Abgrunds. Nach dem Tod seines Geliebten hat sich der Lehrer aus der Mitte der Gesellschaft zurückgezogen und unterrichtet nur mehr online - die Webcam bleibt ausgeschalten, da er sich für sein Äußeres schämt. Der einzige Zugang zur Außenwelt: die befreundete Krankenschwester Liz (Hong Chau: wundervoll), die sich tagtäglich um ihn kümmert. Trotz seiner körperlichen Einschränkungen, wird ihm durch die Hilfe der Pflegerin ein immerhin halbwegs bewältigbarer Alltag ermöglicht. Als Charlies gesundheitliche Probleme zunehmend drastischer werden und er bereits mit einem Bein im Grabe steht, will er Wiedergutmachungen leisten. Einst hatte er Frau und Kind verlassen, um eine Beziehung mit einem Mann anzufangen. Nun versucht er das Verhältnis zur mürrischen Tochter Ellie („Stranger Things“-Star Sadie Sink: eine emotionale Wucht) wieder zu reparieren, diese nutzt die Gutmütigkeit ihres Vaters doch nur für eigene Zwecke aus. Der Literaturprofessor ist aber fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen Gutes steckt.

    Die Filme von Darren Aronofsky zeichnen sich für gewöhnlich durch inhaltliche wie auch stilistische Radikalität aus. Situationen werden dauerhaft überdramatisiert, ein extremer Schockfaktor wirkt omnipräsent, die nihilistische Weltsicht des Regisseurs bleibt durchwegs erkennbar. Umso überraschender erscheint es daher, wie vergleichsweise zurückhaltend und menschlich sich das neueste Werk des Regisseurs anfühlt – und das ist auch gut so. Für „The Whale“ hat das Enfant terrible seine Misanthropie gegen eine ungemeine Prise Hoffnung ausgetauscht. Wir folgen einem Mann, der dem Tod nahesteht, während dieser sich am Glaube ans Gute im Menschen festhält. Aronofsky wäre nicht Aronofsky, wenn er nicht trotzdem schmerzhafte Einblicke in menschliche Abgründe gewähren würde. Selbst eine so hoffnungsvolle Figur wie Charlie wird hier vor vollendete Tatsachen gestellt und am Rande des kompletten Zusammenbruchs befördert. Zwischen Verzweiflung und Tristesse versucht sich der fettleibige Lehrer durch seine letzten Lebenstage zu kämpfen. Findet er Halt bei Familie und Freunden? Oder muss er sich vielleicht sogar dem religiösen Glaube zuwenden? (Dieser wird hier im Form eines jungen Missionaren (Ty Simpkins) symbolisiert.) Den ewigen Kampf zwischen Zynismus und Optimismus präsentiert Aronofsky in gewohnt überdramatisierter Aufmachung – begleitet von einem brummenden Score und flotten Schnitten. Zur Abwechslung behält gegen Ende aber diesmal die Hoffnung die Oberhand.

    Eine eigensinnige Prämisse wie diese hätte in den falschen Händen leicht nach hinten losgehen können. Dass der Film zu keiner Sekunde ins Banale rutscht und selbst in seinen melodramatischen Momenten aufrichtig bleibt, das ist letztlich der bemerkenswerten Darbietung des Hauptdarstellers zu verdanken. Mit einer großen Portion Mitgefühl nähert sich Brendan Fraser der komplexen Figur an. Charlie mag klar der Sympathieträger sein, doch trotzdem sehen ihn manche Leute in seinem Leben als Monster – und das nicht wegen seines optischen Auftreten, sondern vergangener Taten. Fraser stellt den Konflikt, den der Protagonist auszubaden hat, äußerst glaubhaft und nachvollziehbar dar – gerade in den intimeren, ruhigeren Momenten scheint eine unvergleichliche Wärme durch. Es ist wohl die bislang größte Darbietung in der Karriere des Schauspielers. Eine Performance, die selbst all jene, die Fraser für seine frühere Rollenwahl belächelt und verkannt hatten, vom Gegenteil überzeugen sollte. Eine Performance, die jede Facette des menschlichen Daseins abdeckt. Eine Performance, die dem Mimen womöglich noch einen großen Preisregen bescheren wird.

    „The Whale“ ist ein meisterhaft komponiertes Stück Gefühlskino und der wohl ergreifendste, zärtlichste und nahbarste Film, den Darren Aronofsky seit mindestens „The Wrestler“ gedreht hat. Ein tiefberührender Appell an die Menschlichkeit. Eine zermürbende Auseinandersetzung mit Glaube und Religion. Ein außergewöhnliches Comeback für ein außergewöhnliches Talent.