Filmkritik zu Realm of Satan

Szenenbild aus Realm of Satan Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Zwischen Ritual und Alltag: Ein Blick in die Welt der Satanist*innen

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    „Realm of Satan“ zeigt uns eine Welt der Satanisten, die sich erwarteten Klischees entzieht und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Zu Beginn des Films erwartet das Publikum möglicherweise düstere Rituale und geheimnisvolle Zeremonien, die dem Bild entsprechen, das gemeinhin mit Satanismus verbunden wird. Doch was wir stattdessen sehen, ist überraschend anders.

    Der Film beginnt mit einer provokanten Szene: Eine Ziege wird geboren, und kurz darauf stillt eine Frau das neugeborene Tier. Dieser Moment wirkt wie ein Ritual, das nährend und zugleich fremdartig anmutet und den Zuschauer sofort in die Anderswelt des Films zieht. Die daraus entstehende Ambivalenz zieht sich durch den gesamten Film, wobei die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion zur aufregenden Unklarheit wird.

    Eine ästhetische Inszenierung des Alltags

    Anstelle der erwarteten blutigen Opferungen und dunklen Rituale präsentiert der Film uns einen Alltag, der in seiner Normalität erstaunt. Satanist*innen beim Wäscheaufhängen, beim Autoputzen, beim Schmieden von Dolchen oder beim Binden eines Hexenbesens – diese scheinbar banalen Momente haben dennoch eine eigentümliche Anziehungskraft. Die Szenen wirken wie ein ästhetisches Fest des Alltäglichen und irritieren subtil durch eine magische Andersartigkeit, die den Zuschauer in ihren Bann zieht.

    In visuell eindrucksvollen Szenen – wie einem schwebenden, yogaartigen Bücherlesen – wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob hier Effekte im Spiel sind. Doch der Film lässt solche Zweifel absichtlich offen und lädt das Publikum ein, in die mysteriöse Welt der Satanist*innen einzutauchen und den eigenen Glauben an das Übernatürliche zu hinterfragen. Durch den bewussten Verzicht auf Interviews und Erklärungen bewahrt der Film eine kraftvolle, non-verbale Direktheit, die uns wie unauffällige Beobachter auf Distanz hält. Szenen eines Paares, das jeden Abend Gebete an Satan richtet, oder einer Person, die mit einem Uhu lebt oder den Wasserhahn ohne Berührung öffnet, verzaubern und verunsichern gleichermaßen.

    Glaube und Fiktion – eine unklare Grenze

    „Realm of Satan“ zeigt keine reißerische Dokumentation über das Böse, sondern vielmehr eine poetische, ästhetische Erforschung eines gesellschaftlichen Randbereichs. Die Zusammenarbeit mit der Church of Satan, die sich selbst als Raum für Marginalisierte und Ausgegrenzte versteht, lässt eine nüchterne, beinahe intime Annäherung an deren Lebensweise entstehen. Es bleibt die Frage offen, was genau die Satanist*innen mit dem Teufel verbindet – oder ob sie schlichtweg eine alternative Form der Spiritualität leben. Der Film fasziniert durch atmosphärische Bilder und eine ruhige Erzählweise, die Erwartungen auf subtile Weise unterläuft. So entsteht das Porträt einer Gruppe, die weniger als gefährliche Außenseiter, sondern vielmehr als eigenwillige, unabhängige Menschen mit einer alternativen Lebensphilosophie gezeigt werden – faszinierend, überraschend und nachdenklich stimmend.

    Ein flüchtiger Einblick – die Grenze der Nähe und Distanz

    Ein zentraler Punkt, den der Film aufwirft, ist die Distanz, die zum Publikum bestehen bleibt. Leider lernen wir die Satanisten im Film nicht wirklich näher kennen. Zwar überzeugt der vom Regisseur gewählte Stil durch seine Ästhetik und Rätselhaftigkeit, doch stillt er nicht die Neugier des Publikums, und viele Fragen bleiben unbeantwortet. Dies könnte man jedoch eher als Stilmittel denn als Mangel betrachten und so akzeptieren. Schließlich hat jeder Mensch Eigenarten und Überzeugungen, die anderen seltsam erscheinen, und wir sind nicht verpflichtet, diese zu erklären.

    „Realm of Satan“ bietet nur einen flüchtigen Einblick in die routinierten Leben dieser Menschen. Er inszeniert Momente, die sorgfältig geplant und gewählt erscheinen – eine experimentell-fiktionale Realität. Während des Schauens bleibt das Publikum im Unklaren darüber, was real und was inszeniert ist. Diese bewusste Verunsicherung verleiht dem Film Tiefe und lässt uns den Kinosaal mit der Frage verlassen, ob das, was wir wahrnehmen und woran wir glauben, unsere eigene Fiktion oder unsere Realität ist.
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    MYB
    (Melike Yağız-Baxant)
    28.10.2024
    13:22 Uhr
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