Filmkritik zu Tori and Lokita

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Ungeschönte Wirklichkeit

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne arbeiten meistens gemeinsam an ihren Filmen. Die Vertreter der Berliner Schule zeigen dabei häufig gesellschaftliche Problematiken auf und behandelten in der Vergangenheit auch schon des Öfteren das Thema Migration. So auch in „Tori et Lokita“, einem Film, in dem zwei jugendliche Flüchtlinge den ausbeuterischen Tendenzen ihrer Umgebung unterliegen. Die Dardennes wurden hierfür zum bereits neunten Mal zum Wettbewerb um die Goldene Palme nach Cannes eingeladen, wo sie dieses Jahr einen Spezialpreis erhielten.

    Tori (Pablo Schils) und Lokita (Joely Mbundu) gehören zu einer Gruppe von Jugendlichen, die aus Afrika nach Belgien geflüchtet sind. Sie sind beste Freund*innen, aufgrund der Voraussetzungen der Einwanderungsbehörde geben sie aber vor, Geschwister zu sein. Vor allem Lokita benötigt dringend Geld, da sie den Großteil ihres Verdienstes in die Heimat schickt und zusätzlich auch noch von den beiden Menschenhändler*innen, die sie nach Europa gebracht haben, bedroht wird. Nachdem sie gemeinsam mit Tori für den Besitzer einer Pizzeria immer wieder Drogen vertickt, schlägt er Lokita einen rentableren Job vor, den sie notgedrungen annimmt. Dieser bleibt aber nicht ohne Konsequenzen.

    Die Filme der Brüder Dardenne zeichnen sich durch ihren naturalistischen Zugang sowie gesellschaftskritische Fragestellungen aus. Oft arbeiten sie dabei mit Laiendarsteller*innen zusammen, die dem Gezeigten einen zusätzlichen Hauch an Realismus verleihen. In „Tori et Lokita“ werden die Hauptfiguren von Pablo Schils und Joely Mbundu dargestellt, die ebenfalls keine professionellen Schauspieler*innen sind. Dies tut ihren Performances allerdings wahrlich keinen Abbruch, sie statten ihre jeweiligen Rollen viel eher mit einem noch höheren Maß an Authentizität aus.

    Leider kann die narrative Dichte mit den großartigen schauspielerischen Leistungen nicht ganz mithalten. Die Handlung erscheint oft holprig, gerade wenn gleich zu Beginn eine Rückblende eingebaut wird, die sich bis zur Hälfte des Films erstrecken soll. Dem Fortlauf der Geschichte hätte es sicherlich gutgetan, wenn stattdessen auf ein lineares Handlungsmuster zurückgegriffen worden wäre. Die gehaltvollsten Momente sind ohnehin in den alltäglichen Szenen zu finden, die den Realitätscharakter des Films zusätzlich betonen (z.B. die Gesangsszene, die auch schon im Trailer zu sehen war, in der Tori und Lokita das italienische Lied „Alla fiera dell’est“ singen, das zu ihrer persönlichen Hymne werden soll).

    „Tori und Lokita“ scheint von einer konstanten Unruhe getrieben. Sei es Menschenhandel, illegale Geschäfte, sexuelle Gewalt oder Mord – das Drehbuch scheint sich immer stärker in einer monotonen Aufzählung verschiedener Gefahrenquellen zu verlieren. Am Ende, wenn einen der Film dann nochmal völlig unvorbereitet trifft, braucht man wahrscheinlich erst mal eine Pause von dem Überhang des Unbehagens. Das Drama hat darüber hinaus auch mit einigen Logikfehlern zu kämpfen: Das Waisenhaus, in dem Tori untergebracht ist und ihn scheinbar völlig unbeaufsichtigt zu einem minderjährigen Drogendealer werden lässt oder das Schlepper-Duo, welches eher wie Karikaturen ihrer Charaktere wirkt, sind nur zwei Beispiele davon.

    Dass den Film trotz all der (etwas überstrapazierten) negativen Erlebnisse eine gewisse Leichtigkeit umgibt, ist den Darsteller*innen von Tori und Lokita zu verdanken, die mit ihrer authentischen Spielweise überzeugen. Auch der Verzicht auf Musik (bis auf die bereits erwähnten diegetischen Gesangselemente) und der reduzierte Schnitt tragen ihren Teil zu dem Bestreben nach realistischem Kino bei. „Tori und Lokita“ ist, ähnlich wie der Vorgängerfilm „Young Ahmed“, sicherlich nicht das beste Werk der Dardennes – dafür legt es sich, gerade im Hinblick auf die angestrebte Authentizität, seine Handlungselemente viel zu sehr zurecht. Es stellt aber trotzdem einen interessanten Eintrag in ihrer Filmografie dar, der die europäische Migrationspolitik aus einem spannenden Winkel beleuchtet.
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    (Marion Schlosser)
    18.12.2022
    10:26 Uhr