Filmkritik zu Decision to Leave

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    Did She Do It?

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Wenn Park Chan-wook einen neuen Film ankündigt, sind die Erwartungen naturgemäß hoch. Der südkoreanische Meisterregisseur, der vor allem durch „Die Taschendiebin“ sowie seine Rache-Trilogie (bestehend aus „Sympathy for Mr. Vengeance“, „Oldboy“ und „Lady Vengeance“) bekannt ist, mischt mit „Decision to Leave“ nach mehrjähriger Pause erneut das internationale Filmgeschehen auf - und schlägt dabei ganz neue Töne an. In Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet, stellt der Film auch den Oscar-Beitrag Südkoreas für den besten internationalen Film 2023 dar. Auf der diesjährigen Viennale feierte er nun seine Österreich-Premiere.

    Am Fuße eines Berges wird die Leiche eines Mannes gefunden. Beging der leidenschaftliche Kletterer Selbstmord oder wurde er doch Opfer eines Mordes? Ermittler Chang Hae-joon (Park Hae-il), der mit Schlafproblemen zu kämpfen hat, wird mit dem Fall betraut. Zunächst scheint es sich um eine gewöhnliche Untersuchung zu handeln, doch dann trifft Hae-joon auf die Hauptverdächtige: Song Seo-rae (Tang Wei), die Witwe des Toten, die den Kommissar schnell in ihren Bann zieht.

    Zwischen der chinesischen Einwanderin und dem stoischen Kriminalbeamten scheint sich etwas anzubahnen, eine gewisse Anziehungskraft ist vom ersten Moment an spürbar. Wenn Hae-joon in weiterer Folge seine schlaflosen Nächte damit verbringt, Seo-rae in ihrer gewohnten Umgebung zu observieren, verstärkt sich diese zusehends. Die Handlung von „Decision to Leave“ steht und fällt jedenfalls mit den beiden Hauptdarsteller*innen Park Hae-il und Tang Wei, die beide nicht nur in ihren individuellen Rollen überzeugen können, sondern auch wahnsinnig gut miteinander harmonieren. Denn Park Chan-wook, der sonst eher bekannt für seine schonungslose Herangehensweise ist, wählte dieses Mal einen für ihn doch recht ungewöhnlichen Zugang: neben einem perfekt durchinszenierten Mysterythriller erhält man nämlich auch eine verlockende Romanze, die es schafft, im breiten Kosmos der Kino-Lovestorys besonders zu sein.

    Inszenatorisch erreicht der Film ein hohes Maß an Finesse. Die Kamera liefert ausdrucksstarke Bilder, die Musik sorgt stets für eine beunruhigende Atmosphäre und der Regisseur greift auch auf reizvolle Einfälle zurück, wie zum Beispiel die besondere Art und Weise, das Gedachte/Vorstellungen visuell umzusetzen. „Decision to Leave“ ist außerdem ein wahrhaftes Neo-Noir-Spektakel des 21. Jahrhunderts: mithilfe von Smartwatch und Smartphone werden die Ermittlungen angetrieben und die damit aufgenommenen Sprachaufnahmen werden zum wichtigen Handlungselement des Thrillers.

    Zwischendurch kommen auch die komödiantischen Momente nicht zu kurz, die es schaffen, die bedrückende Stimmung (zumindest kurzzeitig) etwas aufzulockern. Die Spannung ebbt dabei aber nie ab. Während der erste Teil des Films geradezu meisterhaft umgesetzt wurde, stellt sich die zweite Hälfte dann leider doch als etwas schwächer heraus - eine Kürzung hätte hier dem Gesamtergebnis sicherlich gut getan - ein atemberaubendes Ende stimmt einen dann aber doch wieder versöhnlich.

    „Decision to Leave“ stellt zwar schon einen Wendepunkt in der Filmografie Park Chan-wooks dar – die Erzählstruktur ist beispielsweise viel geordneter als jene seiner anderen Werke – und für manch harteingesessenen Fan wird der Film womöglich gar zu „brav“ erscheinen. Auf den ersten Blick zumindest, in seinem Kern ist er nämlich mindestens genauso niederschmetternd wie so mancher Vorgänger. Letztendlich erhält man aber doch genau das, was man von Park Chan-wook gewohnt ist und auch erwartet: Kunstvolles Spannungskino aus Südkorea!
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    (Marion Schlosser)
    26.10.2022
    11:20 Uhr