Bilder: Sony Pictures Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Alles an Bord!

    Exklusiv für Uncut
    Ein Zug voller Auftragskiller:innen, ein Koffer mit einem „Thomas, die kleine Lokomotive“-Sticker, eine hochgiftige Schlange und sehr viele persönliche Vendetten: in „Bullet Train“, David Leitchs („Atomic Blonde“, „Deadpool 2“) neuestem Streich, ist so einiges los. Untermalt von japanischen Versionen von „Holding Out for a Hero“ oder „Stayin‘ Alive“ und durchzogen von rasanten Action-Sequenzen kann man sich jedenfalls auf eine ereignisreiche Inszenierung gefasst machen, die zwar gerade in Bezug auf ihre gestalterischen Mittel überzeugen kann, leider aber auch nicht ganz frei von Mängeln ist.

    Ein unter dem Decknamen Ladybug (Brad Pitt) tätiger Auftragskiller, ausgestattet mit Bucket Hat und Hornbrille, soll in einem sogenannten „Bullet Train“ - einem japanischen Hochgeschwindigkeitszug – einen Koffer beschaffen und gemeinsam mit diesem so schnell wie möglich dem rasanten Gefährt entkommen. Diesem Unterfangen kommen aber nicht nur ein, sondern gleich mehrere Auftragskiller in die Quere: ein Mexikaner namens „The Wolf“ (Benito A. Martínez Ocasio aka Bad Bunny), die zwei Brüder „Lemon“ (Brian Tyree Henry) und „Tangerine“ (Aaron Taylor-Johnson), die auf den ersten Blick recht unschuldig wirkende „The Prince“ (Joey King) sowie die Vergiftungsspezialistin „The Hornet“ (Zazie Beetz), die sogar eine hochgiftige Schlange mit im Gepäck führt. Und auch Yuichi Kimura (Andrew Koji) findet sich im „Bullet Train“ wieder – sehr zum Missfallen seines Vaters (Hiroyuki Sanada), der sich wiederum selbst als ehemaliger Berufskiller herausstellt - um jenen Auftragsmörder zu finden, der ein Attentat auf seinen kleinen Sohn verübt hat. Und als wäre das alles nicht schon Aufregung genug, befindet sich auch noch der Sohn (Logan Lerman) des sagenumwobenen Anführers der größten kriminellen Vereinigung Japans im Zug - „White Death“ (Michael Shannon) höchstpersönlich lässt deshalb auch nicht lange auf sich warten.

    „Bullet Train“ basiert auf dem japanischen Roman „Mariabītoru (MariaBeetle)“ von Kōtarō Isaka aus dem Jahr 2010, welcher 2021 von Sam Malissa ins Englische übersetzt und als „Bullet Train“ veröffentlicht wurde. In der Vergangenheit bereits fürs japanische Theater adaptiert, folgte nun die erste Verfilmung. Aber wie so oft in Hollywood, scheint es auch hier zu einer heiklen Situation gekommen zu sein: der Film hat nämlich nicht nur leichte Fetischisierungs-Vibes, was die japanische Kultur betrifft, sondern auch ein Whitewashing-Problem. Man fragt sich nämlich schon, warum japanische Originalcharaktere (u.a. Brad Pitts „Ladybird“ und Joey Kings „The Prince“) aus der Lektüre nicht einfach beibehalten wurden.

    Auch die beiden als Russen angelegten Charaktere, die von Michael Shannon und Logan Lerman verkörpert werden, wirken mit ihren heftigen, falschen russischen Akzenten wie regelrechte Karikaturen ihrer Rollen, die von Klischees nur so durchzogen sind. Man kann hier wahrscheinlich argumentieren, dass sich auch der Film an sich nicht immer ganz ernst nimmt und keiner der Charaktere äußert stark im Realismus verortet ist; trotzdem wirken gerade diese beiden Verkörperungen ziemlich unbeholfen.

    Diese Umstände außer Acht gelassen, wartet der Film mit einem namhaften Cast auf: Allen voran Brad Pitt, der in der Rolle des Protagonisten eine solide Performance abliefert. Die wahren Highlights stellen sich aber eindeutig als Aaron Taylor-Johnson und Brian Tyree Henry heraus, die als ungleiches Brüder-Duo sicherlich für die amüsantesten Momente des Films sorgen – vor allem wenn Henrys „Lemon“ alle auftretenden Personen mit den Charakteren der Kinderserie „Thomas, die kleine Lokomotive“ vergleicht. Hiroyuki Sanada hingegen stellt den moralischen Angelpunkt der Handlung dar, der immerhin einen gewissen Grad an Identifikation zulässt.

    In puncto Komik erinnert „Bullet Train“ oftmals an Leitchs „Deadpool 2“ – diese Art von Humor mag man. Oder eben nicht. Viele Scherze wirken dahingehend schon recht seicht, dass „Bullet Train“ insgesamt aber trotzdem recht unterhaltsam ist, ist auch hier wieder vor allem dem Duo Taylor-Johnson/Henry zu verdanken. Das ewige Spiel mit Glück und Unglück, was sich im Laufe des Films als regelrechter Running Gag herausstellt, wird mit der Zeit aber ziemlich repetitiv.

    Das actiongeladene Kammerspiel funktioniert letztendlich am besten in Form seiner rasanten Inszenierung, obwohl das CGI manchmal etwas überstrapaziert wird (gerade zum Ende hin) und in der ersten Hälfte auf einen sehr schnellen Schnitt gesetzt wird (so schnell, dass man manchmal gar nicht nachkommt). Im Hinblick auf die gebotene Action merkt man jedenfalls, dass Leitch aus dem Stunt-Bereich kommt.

    „Bullet Train“ ist ein sehr durchwachsener Film, der einerseits gutes, unterhaltsames Actionkino liefert, andererseits aber gerade im Hinblick auf das Drehbuch einige Schwachpunkte aufweist. Von der Erzählweise her wirkt der Film manchmal gar verwirrend, was wahrscheinlich der Unterbringung vieler verschiedener Handlungsstränge geschuldet ist. Ein bitterer Beigeschmack ist darüber hinaus leider durch das Whitewashing gegeben.
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    (Marion Schlosser)
    04.08.2022
    21:58 Uhr