Filmkritik zu Coma

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Lockdown im Kopf

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Man sagt ja, Filme bilden immer als Produkt ihrer Zeit ein bisschen unsere eigene Realität ab. Die globale Krise der letzten Jahre hat uns nun dieses Werk beschert, das von einem Gefängnis erzählt welches weit über physische Grenzen hinausgeht.

    Ein Mädchen im Teenageralter hängt den ganzen Tag in ihrem Zimmer herum, obwohl draußen Sommer herrscht. Der Grund ist schnell klar. Wir befinden uns mitten in der Corona-Pandemie und in Frankreich wurde die Ausgangssperre verhängt. Und wenn der Körper eingesperrt ist, sind die Gedanken auch längst nicht frei.

    Gewidmet hat Regisseur Bertrand Bonello den Film seiner Tochter, die ihr Alter mit der Hauptfigur teilt. Dass diese absichtlich namenlos bleibt, zeigt uns dass es hier um mehr geht als ein Einzelschicksal. Verarbeitet wird das Trauma einer ganzen Generation, die in einer so wichtigen Phase ihrer Entwicklung sich selbst überlassen ist. Oder eben nicht ganz. Eine YouTuberin wird so schnell zur wichtigen Bezugsperson. Kein Video, das die Teenagerin verpasst, und vor allem kein Produkt, für das diese wirbt, das sie nicht kauft, egal ob es sich später als Schrott herausstellt. So wird noch nebenbei ein bisschen Kritik an Influencern eingestreut, auch wenn das Thema nicht wirklich vertieft wird.

    Die Videos bilden den Kern den anthologischen DNA der Geschichte, doch beschränkt sich der Film nicht darauf. Ein Puppenhaus erweckt die Synchronisation zu einer schmalzigen Seifenoper, True Crime Dokus sorgen für ordentlich Gesprächsstoff in Video Calls mit den Freundinnen und Albträume werden wie ein Horrorfilm inszeniert. Sogar Animationssequenzen gesellen sich du der Vielzahl an Stilen hinzu. An Kreativität mangelt es hier nicht im Geringsten.

    Woran es dann mangelt ist leider ein erkennbarer roter Faden. Die Geschwindigkeit, in der zwischen den einzelnen Episoden hin und her gesprungen wird, steigt stetig an. Die Grenzen dazwischen verschwimmen immer mehr, statt neuen Episoden tauchen einfach gleiche Dialoge in unterschiedlichen Abschnitten auf. Wie in einem wirklichen Koma (in einer Doppelbedeutung trägt zusätzlich die Influencerin diesen Nachnamen) spielt sich alles scheinbar nur noch im Kopf der Protagonistin ab. Irgendwann hat man als Zuschauer aber selbst in den Realszenen kein Gefühl mehr dafür was ihr eigentlich tatsächlich passiert und was nur pure Einbildung ist (Es wird sogar suggeriert, dass die YouTube-Videos der Imagination entsprungen sein könnten). Die Intention scheint offensichtlich ihre wirren Gedanken spürbar zu machen, was auch ankommt, nur erschwert es letztendlich dem Erzählten folgen zu können.

    Laut Julia Faure, welche die YouTuberin verkörpert, handelt es sich um einen Independent-Film, weil das Drehbuch sonst wohl niemand akzeptiert hätte. Widersprechen kann ich dem leider nicht. Ob er funktioniert steht und fällt ultimativ damit, ob man sich auf die wirre Erzählweise einlassen kann. Die verschiedenen Geschichten machen aber durchaus Spaß und Kreativiät und Mut sollten ohnehin stets positiv hervorgehoben werden. Viele Fimschaffende sind vermutlich ebenso zu Hause in Gedanken versunken und man darf gespannt sein, was das noch so für Ideen hervorgebracht hat.
    (Markus Toth)
    01.11.2022
    22:44 Uhr
    Meine Top-Filme: