Filmkritik zu Incredible But True

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  • Bewertung

    Für immer jung

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2022
    Ob nun mordende Lederjacken, Riesenfliege oder Killer-Autoreifen: Quentin Dupieux hat sich einen Namen für bizarre Filmkonzepte gemacht, die auf Papier schwer umsetzbar klingen. Der 47-jährige Franzose ist auch unter seinem Musikerpseudnonym Mr. Oizo bekannt – so manch einer wird sich an die 90er-Erfolgsnummer „Flat Beat“ zurückerinnern, dessen Komposition und kultiges Musikvideo mit der kopfwippenden Bärenpuppe Flat Eric dem Hirn des Universalkünstlers entspringt. Im Zuge der Pandemie hat sich Dupieux an ein neues Filmprojekt gesetzt, das sich mit den räumlichen Limitierungen der Gegenwart spielt.

    „Incroyable mais vrai“ handelt von Alain (Alain Chabat) und Marie (Léa Drucker), einem verheirateten Paar, das sich auf Haussuche begeben hat. In einem Pariser Vorort werden die zwei Mittfünfziger letztlich fündig. Doch staunen sie nicht schlecht, als sie in Geheimnisse eingeweiht werden, die unmittelbar mit ihrem neuen Zuhause zusammenhängen. So verbirgt sich im Keller eine Falltür, durch die man 12 Stunden in die Zukunft springt und mit jedem Gang hinunter gleichzeitig auch optisch drei Tage verjüngt. Alain scheint das Gimmick wenig zu beeindrucken, doch Marie möchte die Chance nutzen, um mit allem Mitteln wieder ihren jüngeren Körper zurückzubekommen. Zur selben Zeit hat ein befreundetes Paar (Benoît Magimel und Anaïs Demoustier) mit den technischen Problemen eines mechanischen Penis zu kämpfen.

    Dupieuxs neuester Streich ist erneut ein absurd-komisches Werk, das von aberwitzigen Einfällen und inszenatorischen Spielereien lebt. Satirisch überspitzt hält Dupieux einer von unrealistischen Schönheitsidealen gesteuerten Gesellschaft amüsant den Spiegel vor. Die „Verjüngungskuren“ zweier Figuren verkommen zur gefährlichen Obsession, sei es nun der Traum einer Topmodel-Karriere trotz höheren Alters oder eine Feinjustierung im Intimbereich. Doch diese feinen Beobachtungen sind nur schmückendes Beiwerk. Dupieux wäre nicht Dupieux, wenn er nicht den einen oder anderen unerwarteten Weg einschlägt. Denkwürdig bleibt vor allem eine Montage, in der komplett ohne Dialog und nur mit Hilfe des elektronischen Scores sehr viel gesagt wird. Mit jedem neuen Film wächst Dupieux, der bei seinen Projekten auch stets für Kamera und Schnitt verantwortlich ist, als visueller Geschichtenerzähler. Die Zeitreise-Mechanismen mögen nicht immer plausibel sein, doch das abstruse Konzept birgt reichlich brillante Situationskomik, bei der auch die Immobilienindustrie ihr Fett wegbekommt.

    Eine Prise Charlie Kaufman hier, ein bisschen Spike Jonze da: die eigensinnige Zeitreise-Komödie von Quentin Dupieux ist ein wahrer Schatz im Obskuritätenkabinett des französischen Querkopfs.
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    (Christian Pogatetz)
    14.02.2022
    08:20 Uhr