Filmkritik zu Rimini

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    Richie Bravo Superstar

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2022
    Ulrich Seidl gilt gemeinhin als das „Enfant Terrible“ des österreichischen Kinos. In seinen Filmen blickt der heute 67-jährige Sohn einer niederösterreichischen Ärztefamilie meist tief in menschliche Abgründe. Seidl lässt die Kamera dort stehen, wo es den meisten zu unangenehm wird. Nachdem Seidl vorrangig für seine Spielfilmprojekte wie „Hundstage“ (2001), „Import Export“ (2007) und der viel geschätzten „Paradies“-Trilogie (2012-13) Bekanntheit und Anerkennung erlangt hatte, kehrte er in den vergangenen Jahren zu seinen dokumentarischen Ursprüngen zurück. Mit „Im Keller“ (2014) und „Safari“ (2016) drehte Seidl zwei kontroversiell aufgenommene Projekte, bei denen sich aufgrund der ständigen Manipulation der Wirklichkeit diskutieren ließe, ob diese den Stempel „Dokumentarfilm“ denn überhaupt noch verdient hätten. Mit „Rimini“ hat Seidl nun seinen ersten nicht-dokumentarischen Spielfilm seit fast einem Jahrzehnt fertiggestellt und eines schon mal vorweg: die Wartezeit hat sich überaus gelohnt.

    Das Drama dreht sich um Richie Bravo (Michael Thomas), einst ein gefeierter Schlagerstar, der mittlerweile in seiner Partyvilla im italienischen Rimini verweilt und versucht aus früheren Erfolgen Kapital zu schlagen. Hier und da findet sich noch ein Fan aus alten Tagen, den der gebürtige Niederösterreicher mit seiner Gesangskunst (oder auch anderweitig) beglücken kann. Doch die ruhmreichen Tage sind gezählt, die winterliche Tristesse des Badeorts sorgt für trübe Stimmung. Den Spaß will sich der begnadete Entertainer mit blonder Mähne und Bierbauch aber nicht nehmen lassen: Sex, Drugs and Rock’n’Roll wird im Leben des abgehalfterten Promis immer noch groß geschrieben. Wenn er gerade nicht seiner Liebe zur Musik nachgehen kann, stillt Richie gerne mal seine Alkohol-, Sex- und Spielsucht. Doch wo Licht da auch Schatten: als seine Tochter Tessa (Tessa Göttlicher), mit der er schon seit Jahren nicht mehr im Kontakt war, auftaucht und ihr zustehendes Geld einfordert, wird der leichtfüßige Spaßsänger mit dem Ernst des Lebens konfrontiert. Die kurz davor stattgefundene Beerdigung seiner Mutter sowie die Demenzerkrankung seines Vaters (Hans-Michael Rehberg), der von der eigenen Nazi-Vergangenheit eingeholt wird, machen die Dinge nicht leichter.

    In seinem filmischen Schaffen rückt Seidl stets Menschen in den Vordergrund, die man sonst kaum im Kino zu Gesicht bekommt. Menschen, denen fast nie eine Bühne geboten wird. Menschen, die auch wie echte Menschen aussehen und ohne Hollywood-Makeover auskommen. Obwohl Seidl meist wertfrei bleibt, lässt sich ein manchmal zynischer oder misanthropischer Blick auf seine Figuren kaum leugnen. Trotz klassischer Seidl-Zutaten und dem gewohnten Nihilismus, scheint in seinem neuesten Werk eine Warmherzigkeit und Empathie durch, die viele dem fast 70-jährigen Skandalregisseur wohl nicht zugetraut hätten. Protagonist Richie Bravo erscheint auf den ersten Blick nicht zwingend sympathisch. In erster Linie ist er ein Showman, der sein gesamtes Leben damit verbracht hat, anderen gefallen zu wollen und selbst oft den einfachen Weg gewählt hat. Dass er mit seinem destruktiven Verhalten jedoch auch manche Mitmenschen auf der Strecke gelassen hat (was sich anhand seiner entfremdeten Tochter verdeutlicht) wird dem Unterhaltungskünstler erst spät klar. Doch ist es die aufrichtige Liebe für seinen Beruf, die dem Schleimbeutel liebenswerte Qualitäten verleiht. Wenn er die Bühne betritt, darf Richie er selbst sein, seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Die mitreißenden Auftrittsszenen, in denen Richie mit seiner Schlagerkunst die Massen begeistert und gleichzeitig über den eigenen Stand der Dinge reflektiert, bilden daher das emotionale Kernstück des Films. Beutet Richie sein Publikum mit billiger Unterhaltungsmusik aus, um selbst ein paar Groschen zu verdienen? Oder schenkt er früheren Fans, die gerne an „gute alte Zeiten“ zurückerinnert werden, ein paar Minuten bittersüßer Nostalgie? Hauptdarsteller Michael Thomas verkörpert Bravo mit großer Inbrunst und gibt der Figur einen gewissen Charme, den man sich als Zuschauer nur schwer entziehen kann.

    Seidls gewohnter Realismus verleiht dem Film eine zusätzliche Dimension an Greifbarkeit, die den winterlichen Mikrokosmos durch und durch authentisch erscheinen lässt. Stilistisch wagt sich Seidl doch auch in neue Gefilde. Seinen Dokumentarismus und die gewohnte Bildsymmetrie ersetzt er durch eine bewegungsreichere Bildsprache. Die Tristesse Riminis nimmt durch die nebelige Ästhetik einen eigenen Charakter im Film ein und bekommt durch gewisse Bilder auch politischen Subtext verliehen.

    Ulrich Seidl hat mit „Rimini“ ein beachtliches Werk geschaffen, das oft in unangenehme Ecken des menschlichen Daseins blickt, nie aber die Menschen dahinter vergisst. Einer der besten Filme im außergewöhnlichen Schaffenskatalog des österreichischen Skandalregisseurs.
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    (Christian Pogatetz)
    11.02.2022
    23:59 Uhr