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  • Bewertung

    Eine Mutter kämpft für ihren Sohn

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2022
    Zwischen 2002 und 2006 wurde der deutsch-türkische Staatsbürger Murat Kurnaz für vermeintliche Verbindungen zu islamistischen Terrorgruppierungen im berüchtigten Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base festgehalten. Wie sich später herausstellte, gab es doch keinerlei rechtliche Grundlage für die Inhaftierung. Die mediale Berichterstattung rund um den Fall konnte immerhin das öffentliche Auge auf den Fall Murat Kurnaz richten, der seine Erlebnisse mittlerweile in Form einer Autobiographie verarbeitet hat. In seinem neuen Film ,,Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ beleuchtet Regisseur Andreas Dresen (u.a.: „Gunderman“) den mehrjährigen Prozess und Kampf um Gerechtigkeit aus der Perspektive von Murats Mutter, die im Hintergrund als stille Heldin agierte.

    Die türkisch-stämmige Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) führt ein einfaches Leben in Bremen. Während ihr Ehemann einen Job in einer Autofirma nachgeht, kümmert sich die Mutter dreier Kinder um den Haushalt. Eines Nachts scheint ihr ältester Sohn Murat (Abdullah Emre Öztürk), der sich in den Jahren zuvor vermehrt dem Islam zugewandt hatte, nicht zum Abendessen aufzutauchen. Wie Rabiye später erfährt, wurde ihr Sohn des Terrorverdachts wegen in Pakistan festgenommen und in das für menschliche Gräueltaten bekannte Gefangenenlager Guantanamo überbracht. Nachdem die deutschen Behörden sich wenig hilfreich zeigen, findet die temperamentvolle Mutter Unterstützung in einem Bremer Anwalt. Der Strafverteidiger und Menschenrechtsaktivist Bernhard Docke (Alexander Scheer) steht der lebensfrohen Frau in ihrem Kampf um Gerechtigkeit tatkräftig zur Seite. Bis die USA sich jedoch ihre Fehler eingestehen und Murat seine Freiheit wieder zurückerlangt, dauert es noch eine Weile…

    Der Hauptantrieb des knapp zweistündigen Films ist mit Sicherheit die charismatische Schauspieldarbietung der zu Recht mit dem Berlinale-Darstellerpreis gekrönten Meltem Kaptan. Die eigentlich als Comedienne und Fernsehmoderatorin bekannte Kaptan mimt die Hausfrau als lebensfrohe Natur, die selbst in den tristesten Momenten noch einen Silberstreifen am Horizont sieht. Doch auch in den ernsteren Szenen weiß Kaptan durch und durch zu überzeugen. Als Rabiye in einer Schlüsselszene die Last der Situation zu viel wird und sie erstmals emotionale Verletzlichkeit offenbart, lässt sich die Ausweglosigkeit einer sorgsamen Mutter aus den Augen der deutsch-türkischen Hauptdarstellerin herauslesen. Es ist eine Performance, die einen über viele dramaturgische Schwächen hinwegsehen lässt. Denn leider kommt die Tragikomödie, all der ehrenwerten Ambitionen zum Trotz, in vielen Momenten zu formelhaft und melodramatisiert daher. Zu akribisch arbeitet sich der Film an der Chronologie der realen Geschehnisse ab und greift in Puncto Figurenzeichnung häufig in den Klischeetopf. Die Schwere der Situation wird aufgrund des eher unglücklich gewählten leichtfüßigen Tons nur in wenigen Momenten greifbar. Authentische, rohe Emotion wird mit übertriebenem Pathos ersetzt, das sich aufgesetzt und gestelzt anfühlt. Unterhaltsam und lehrreich ist „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ allemal, durch die erzwungen publikumsfreundliche Herangehensweise oftmals aber auch unauthentisch und klischeebeladen. Ein Film, der insgesamt hinter seinen Möglichkeiten bleibt, so sympathisch und kraftvoll das politische Statement auch sein mag.