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    Schlaflose Nächte

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Regisseur Mikhaël Hers versammelt in „Passagiere der Nacht“ nicht nur die französischen Schauspielgrößen Charlotte Gainsbourg und Emmanuelle Béart, sondern bietet auch eine Bühne für charismatische Jungschauspieler*innen, die den stimmigen Cast perfekt abrunden. Seine internationale Premiere feierte der Film auf der diesjährigen Berlinale.

    Paris, 1981: Elisabeth (Charlotte Gainsbourg) wird von ihrem Mann verlassen und muss fortan den Lebensunterhalt von sich und ihren beiden Teenager-Kindern Judith (Megan Northam) und Matthias (Quito Rayon-Richter) alleine bestreiten. Die Arbeitssuche führt sie bald zu „Les passagers de la nuit“, einer Radiosendung rund um Vanda Dorval (Emmanuelle Béart), die Elisabeth allabendlich aufgrund ihrer Schlafprobleme konsumiert. Dort trifft sie eines Tages auf die junge, wohnungslose Talulah (Noée Abita) und nimmt sie kurzerhand mit zu sich nach Hause.

    Es beginnt in der Nacht der Präsidentschaftswahl 1981, Elisabeth fährt gemeinsam mit ihren Kindern durch Paris und beobachtet ausgelassen die Menschen auf den Straßen. Wenig später befindet sie sich alleine im Wohnzimmer der Familienwohnung während die restlichen Bewohner*innen bereits alle zu Bett gegangen sind. Wir werden zum ersten Mal Zeuge von Elisabeths Insomnia, der sie mit dem Verfolgen der Radiosendung, eingelullt von Emmanuelle Béarts Stimme, entgegenwirken will. Alles wirkt hier sehr verträumt und geradezu mystisch. Die großen Wohnzimmerfenster bieten dabei einen wunderbaren Blick über Paris bei Nacht.

    Die Melancholie, die hier bereits spürbar ist, wird den Film auch in weiterer Folge umgeben. Sie ist zwar nicht immer ganz greifbar, setzt jedoch stets an den richtigen, emotionalen Bezugspunkten an. Egal ob erste Liebe, Abschiede oder Familienzusammenkünfte – vieles in „Passagiere der Nacht“ erscheint äußerst nachvollziehbar. Eine elementare Essenz lässt sich darüber hinaus in den stillen Momenten finden, obgleich die Übergänge auch sehr sprunghaft erscheinen können. Mal sehen wir die Handlung aus der Sicht von Talulah, dann begleiten wir wieder Matthias; die Position der Protagonistin ist dann letztendlich aber wohl doch Gainsbourgs Elisabeth zuzuschreiben. Anhand von Talulah und Elisabeth vereint der Film das Leben zweier doch sehr unterschiedlicher Frauen, die der Zufall miteinander verbindet. Charlotte Gainsbourg und Noée Abita stellen dies großartig dar!

    Interessant erscheint auch der Verweis auf die französische Regielegende Èric Rohmer, dessen Film „Vollmondnächte“ von den Jugendlichen zufällig im Kino gesehen wird und der überraschende Parallelen zu Mikhaël Hers verträumtem Drama aufweist. Auch hier spielen sich die Dramen eher unterschwellig ab, während Pascale Ogier nachts durch Paris streift. Gerade Talulah ist äußerst angetan von dem Film und zeigt sich wenig später besonders schockiert über Ogiers frühen Tod.

    Die Themen variieren im Großen und Ganzen je nach Handlungsstrang. Trennungen, egal ob zwischen Eheleuten oder in Form eines Abschieds vom Elternhaus werden genauso aufgegriffen wie Übergänge zwischen einzelnen Lebensphasen. Warum die zu Beginn sehr stark im Fokus stehende titelgebende Radiosendung im Laufe des Films dann aber doch völlig in den Hintergrund rückt, geht zwar nie eindeutig hervor, womöglich stellt dies aber auch die Kernaussage des Films dar: das man quasi dann zum „Passagier der Nacht“ wird, wenn man es gerade am meisten nötig hat.

    „Passagier der Nacht“ ist eine Familiengeschichte. Eine Liebesgeschichte. Eine Momentaufnahme. Der vor allem von den Darsteller*innen getragene Film ist manchmal zwar recht vorhersehbar und plätschert etwas vor sich hin, verzichtet aber glücklicherweise auf ein klischeebehaftetes Ende. Auf manche Szenen und einen Zeitsprung hätte man wahrscheinlich trotzdem verzichten können, aufgrund der melancholischen Grundstimmung und einem nichtsdestotrotz positiven Gesamtausblick gelingt Mikhaël Hers aber eine äußerst reizvolle Reise in die 1980er Jahre. Ein perfekter Film für einen gemütlichen Herbstnachmittag!
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    (Marion Schlosser)
    24.10.2022
    20:50 Uhr