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  • Bewertung

    Gelungener Schulterschluss zwischen Vergangenheit und Gegenwart

    Exklusiv für Uncut
    Wir schreiben den 11. Juni 1993: erdbebenartige Schritte formen schmale Wellen im friedlichen Wasserglas, durch das Fenster eines Jeeps erhebt sich der monströse Schatten eines T-Rex-Kiefers und ein Kind füttert den langhalsigen Brachiosaurus hoch oben in den Baumwipfeln. Mit „Jurassic Park“ schafft Steven Spielberg einen bei Publikum und Kritik hochgelobten Abenteuerfilm, der heute als Meilenstein für digital generierte und animatronische Filmeffekte gilt. Nach diesem stark inszenierten ersten Teil mit nicht zu vernachlässigender ökologischer Botschaft fiel das Jurassic-Park-Franchise schnell in ein Loch. Weder Teil 2 (1997) noch Teil 3 (2001) reichen qualitativ an die hohe Messlatte heran und es vergingen viele Jahre...

    Zurück in die Zukunft, fast auf den Tag genau 29 Jahre nach dem epischen allerersten Teil wird die Storyline um die urzeitlichen Lebewesen mit dem inzwischen sechsten Film der Reihe abgeschlossen. Die Vorgänger „Jurassic World“ (Teil 4: 2015) und „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ (Teil 5: 2018) haben das Franchise in die postmoderne Zeit des Reboot-Kinos geholt und der aktuelle „Jurassic World: Ein Neues Zeitalter“ beendet nicht nur die zeitgenössische Jurassic-World-Trilogie, sondern soll der finale Akt des gesamten Jurassic-Park-Zyklus sein.

    Nachdem einige Saurierexemplare am Ende des vergangenen Films auf dem Festland freigelassen wurden, leben die Urzeitwesen nun Seite an Seite mit den Menschen. Claire (in Bryce Dallas Howard schlummert mehr Potential…) und Owen (Möchtegern-Indiana-Jones Chris Pratt) haben das geklonte Mädchen Maisie (Isabella Sermon) zu sich genommen und leben abgeschieden in einem Waldhaus – bis die Vergangenheit sie einholt, als sinistre Hintermänner Maisie aus unbekannten Gründen entführen. Gleichzeitig beobachten die bekannten Gesichter Dr. Grant (Sam Neill) und Dr. Sattler (Laura Dern, inzwischen oscarprämiert) gewaltige Schwärme überdimensionierter Heuschrecken, die Mais-Felder mähend übers Land ziehen und eine ökologische Katastrophe respektive Hungersnot auslösen. Auf der Suche nach Antworten für die Genetik-, Klima- und Identitätskrisen müssen sich alle Beteiligten zusammenschließen, um eine koexistenzielle Zukunft auf dem Planeten zu gewährleisten.

    Wie schon in „Jurassic World“ nimmt auch im neuen Zeitalter Colin Trevorrow auf dem Regiestuhl Platz. Allerdings ist es weniger die Crew als der Ensemble Cast, der diesem Film dem Stempel aufdrückt. Zum ersten Mal erleben wir die Hauptrollenriege des ersten Teils aus 1993 wieder komplett: Jeff Goldblum, Sam Neill und Laura Dern treffen auf die Hauptcharaktere aus der neuen Trilogie Bryce Dallas Howard und Chris Pratt. Die Chemie der Besetzung passt. Da werden keine oscarreifen Darbietungen gezeigt, dem Drehbuch mangelt es natürlich an Charakterentwicklung und die Einbindung aller Charaktere wirkt mitunter etwas verkrampft, lässt aber das nostalgische Herz höherschlagen. Nostalgie ist generell ein Schlagwort für diesen Film. Ob bekannte Sprühdosen, Saurierarten oder Sprüche – Fans der ersten Stunde kommen voll auf ihre Kosten. Trevorrow setzt seine Ankündigung, dass sich dieser Teil stark am Original von 1993 orientieren soll, angemessen um. Insbesondere der vermehrte Einsatz animatronischer Effekte fällt positiv auf und ist eine willkommene Abwechslung zum CGI-Fiasko anderer Blockbuster. Inszenatorisch hält sich Treverrow an die gängigen Kino- und Genre-Konventionen, findet jedoch einige interessante Einstellungen und aufregende Ideen für die gewohnten Spannungsmomente.

    Dass der Film die kraftlosen B-Movie-Monsterhorror-Elemente früherer Filme der Reihe zugunsten neuer thematischer Schwerpunkte vernachlässigt, muss hervorgehoben werden. Claire (Bryce Dallas Howard) warnt im 4. Teil vor Abnutzungseffekten: „No one is impressed by a dinosaur anymore“ und der Film nimmt die Aussage ernst, indem er einen neuen Weg beschreitet. Phasenweise versinken wir in einem Bond-Bourne-Agententhriller, wenn wir auf einem maltesischen Schwarzmarkt Entführungshinweisen nachgehen. Rasante Verfolgungsjagden zwischen Motorrad und Velociraptor und zwielichtige Scharlatane in mediterranem Setting. Der Film hat hier seine stärksten Momente und hätte diesen Weg konsequenter gehen sollen, bevor er später zu den klassischen Motiven der Reihe zurückkehrt. Familie als das Spielberg’sche Thema überhaupt darf sowieso nicht fehlen, genauso wenig die auserzählte Geschichte von der gierigen konspirativen Privatwirtschaft, die die Saurier nur aus ökonomischen Zwecken ausbeuten möchte. Binsenweisheiten reihen sich aneinander. Bedauerlicherweise fehlt dem Drehbuch in letzter Instanz Originalität; ethische und klimatische Bedingungen für ein gemeinsames Zusammenleben werden nicht verhandelt. Welche Folgen haben die neuen Spitzenprädatoren für die natürliche Hackordnung der Nahrungskette und die Biosphäre? Es gab Möglichkeiten für wirklich starken Inhalt.

    Fazit: Das neue Zeitalter der Koexistenz zwischen Menschen und Sauriern hat begonnen, die Filmreihe „Jurassic Park“ soll nach 29 Jahren ein Ende gefunden haben. Trotz blockbusterbedingter Schwächen, kleiner Längen (147 Minuten) und einem mittelmäßigen Drehbuch gelingt der Schulterschluss zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Gekonnt setzt „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ auf Old-School-Saurier sowie alte Bekannte und wagt sich thematisch als „Science Thriller“, wie ihn der Regisseur selbst einordnet, auf etwas neues Terrain. Wenngleich die Handlung zum Ende hin dem vertrauten Raster folgt, kreiert der Streifen ein versöhnliches Ende der Filmreihe.
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    (André Masannek)
    08.06.2022
    20:44 Uhr
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