Bilder: Constantin Film, Paramount Pictures Fotos: Constantin Film, Paramount Pictures
  • Bewertung

    Der beste Film ist das Leben selbst

    Exklusiv für Uncut
    Kurz vor dem Ende des Films nimmt eine Kamera die tanzenden Nellie und Manny in einem kleinen Lokal auf. Vergessen sind in diesem singulären Moment all die Wirrungen der Jahre, all die Schwierigkeiten des Filmemachens, all die Missverständnisse. Eine biblische Erzählung im Neuen Testament berichtet vom blasphemischen Versuch der babylonischen Einwohner*innen, einen Turm bis zum Himmel zu bauen: der Turmbau zu Babel. Gott bestraft dieses Vorhaben, indem er den Menschen mehrere Sprachen gibt, was weitreichende Missverständnisse zur Konsequenz hatte.

    In den 1920er-Jahren wurde auch dem Medium Film die Sprache gegeben. Aus dem Stummfilm entwickelte sich der Tonfilm, was „The Artist“ bereits 2011 hervorragend thematisiert – als Stummfilm. Der amerikanisch-französische Regisseur Damien Chazelle geht in „Babylon“ einen gänzlich anderen Weg. Oscar-prämiert für „La La Land“, in dem es ebenso um den Schauspiel-Traum geht, zeigt er analog zur biblischen Erzählung zwar auch die extreme Veränderung, die sich durch den Einfall des Tons in den Film ergeben hat; im Gegensatz zu „The Artist“ bleibt er aber alles andere als stumm, sondern kontrastiert die gezeigte Situation mit den Hintergründen des Showbusiness. Soll heißen: in der Stummfilmzeit präsentiert Chazelle eine Expedition in eine dekadente und obszöne Welt mit Feierlichkeiten, Drogenexzessen und Sexorgien, während „Babylon“ mit Aufkommen des Tonfilms ruhiger und melodramatischer wird, was der filmischen Realität durch den Hays Code entspricht.

    Im Detail spannt sich die versatzstückhafte Geschichte von 1927 bis 1952. Wir sehen durch die Augen des mexikanischen Newcomers Manny Torres (Diego Calva) die fesselnde Hollywood-Welt, in der sich der Stummfilmstar Jack Conrad (Brad Pitt) und die aufstrebende Nellie LeRoy (Margot Robbie) behaupten müssen. Während der charismatische, dem Alkohol zugewandte Conrad bald der Vergangenheit hinterherläuft, sind die ehrgeizigen Manny und Nellie zu allem bereit, um in der neuen Traumfabrik Fuß zu fassen – jede Person auf ihre Weise. Auf- und Abstieg liegen eng beieinander. Interessant ist zudem die Nebenhandlung über den Jazz-Musiker Sidney Palmer, der nicht vom Wechsel von Stumm- auf Tonfilm betroffen ist und trotzdem mit der rücksichtlosen Branche hadert.

    Es ist kein Geheimnis, dass dieser Bilderrausch fasziniert. Damien Chazelle hat sein „La La Land“-Team erneut versammelt und inszeniert dreistündige Beklemmung, Hektik und Überreizung gleichermaßen. Linus Sandgren sorgt für eine Kamera, die alles zeigt, die Distanz wahrt und doch so nah ist, dass sie gar Schlammflecken bekommt, die mit besonderen Perspektiven, Fahrten und Drehungen das Besondere hervorhebt, schlicht eine meisterhafte Leistung. Justin Hurwitz, frisch mit dem Golden Globe für die beste Musik ausgezeichnet, unterlegt die Szenen mit einer treibenden Jazz-Rock-Techno-Melange. Auch Ton, Szenenbild, Kostüme und insbesondere der dynamisch-turbulente Schnitt überzeugen auf einer Ebene, die sich berechtigte Hoffnungen auf Oscar-Nominierungen machen kann. Regie und Drehbuch bestechen mit Kreativität, wenn die 1920er-Dreharbeiten gezeigt werden und ein Orchester mitten in einer mittelalterlichen Schlacht, bei der gar ein Statist stirbt, platziert wird. In diesen Momenten entfaltet das Gesehene eine starke choreographische Wucht. Elemente von Fellini, Scorsese und Kubrick finden den Weg in dieses sündhafte Abenteuer.

    In erstaunlicher Form ist der Schauspielcast. Mit steigendem Alter umgibt den letzten echten Hollywood-Star Brad Pitt eine Elder-Statesman-Aura, die er mit einer Mischung aus trockenem Humor und ruhiger Melancholie glänzend besetzt. Seine italienische Aussprache ist mit einem Augenzwinkern aber seit „Inglourious Basterds“ nicht besser geworden. Der wenig bekannte Diego Calva hält erstaunlich gut mit der prominenten Garde mit. Die Ur- und Naturgewalt in „Babylon“ ist jedoch Margot Robbie, die mit Hang zum Overacting hier eine sensationelle, oscarwürdige Darbietung liefert – von tänzerischer Physis über einen Schlangenkampf bis zu dicken Tränen. Vollkommen absurde Rollen spielen zudem Spike Jonze und Tobey Maguire. Mit Letzterem tauchen wir ab in eine dunkle Welt Hollywoods voller Horror und Snuff.

    Und dennoch – trotz aller wahrlich starken Elementen – verliert man irgendwann die Figuren etwas aus den bereits überforderten Augen. Man kann Überambition attestieren, wenn durch die episodenhafte Erzählweise kein Charakter den emotionalen Kern dieses Spektakels abbildet. Chazelles „Babylon“ schafft den Turmbau in seiner eigenen Stadt nicht. Der chaotische Rausch variiert von der Kernaussage, die der Film insbesondere mit dem oben erwähnten Tanz im kleinen Lokal ins Visier nimmt: der beste Film ist das Leben selbst. Missverständnisse werden nicht aufgelöst, sprachliche Verwirrungen wie im alten Babel bleiben bestehen und das Leben selbst erfährt eine Verzerrung, teils fehlen den Figuren konsequent zu Ende gedachte Profile und der Handlung ein ganzheitlicher Faden, sodass der Film seiner eigenen Maxime unterlegen ist. Dazu passt auch die interpretatorische Vielfalt. Chazelle streift Themen wie Musik als zeitlose Kunst, Identität zwischen Privat und Öffentlichkeit (Blackfacing), Klassenkampf gegen die prätentiöse Elite, Heteronormativität, Feminismus und bildet Allegorien auf moderne Phänomene wie Trends, Shitstorms oder Massenmedien. Und insgesamt ist dieser inhaltliche Blumenstrauß maßlos groß.

    Trotzdem überwiegt das Positive. „Babylon“ von Damien Chazelle nimmt uns mit auf eine euphorisch-hemmungslose Party, einen hedonistischen Streifzug durch die Zeitgeschichte mit genüsslichem Humor und explosiver Dramaturgie, zeigt einen überambitionierten Episodenfilm über das Streben und Scheitern, bevor am Ende die emotionale Wärme in diesem Fiebertraum nicht richtig ansteigen will. „Babylon“ saugt uns hinein, er zieht uns beinahe magisch an, bewirft uns aber mit allerlei Themen und findet bis auf die exzessive Form keine Einheitlichkeit – auf gleichwohl hohem Niveau mit einem magischen Ende als Hommage an das Kino selbst.
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    (André Masannek)
    18.01.2023
    15:17 Uhr
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