Bilder: The Walt Disney Company, Marvel Fotos: The Walt Disney Company, Marvel
  • Bewertung

    Der Zauber ist verflogen

    Exklusiv für Uncut
    Vor nicht allzu langer Zeit galten Superheldenfilme noch als neuartige, erfrischende Abwechslung im Blockbuster-Sektor. Doch das Aufkommen des Marvel Cinematic Universe, das mittlerweile vier Phasen, 28 Spielfilme und mehrere Serienproduktionen umfasst, war für das Genre Fluch und Segen zugleich. Inhalte, die langzeitig lediglich eine Nische an Comic-Kenner*innen bedient hatten, waren plötzlich im Mainstream angekommen. Dieser Umstand hatte aber auch zufolge, dass der im Kern abgedrehte, schrullige Esprit der Vorlagen früher oder später an die Vorlieben des breiten Publikums angepasst werden musste. Beziehungsweise war Marvel-Oberchef Kevin Feige wohl der Meinung, man dürfe die Sehgewohnheiten der Kinogeher*innen nicht zu sehr herausfordern. Man fing an auf nostalgische Werte zu setzen, kreierte eine einheitliche (und eintönige) Ästhetik und bediente sich der episodenhaften Erzählweise des Fernsehens. „Wer FILM/SERIE XY nicht gesehen hat, wird FILM/SERIE XY nicht verstehen“, heißt es oft unter Fans. Den einzelnen Filmen wurde Eigenständigkeit beraubt, alles verschwamm in einem Massenbrei aus Cameos, Easter-Eggs und Post-Credit-Szenen, die Kommendes schmackhaft machen sollen. Ein Mann, der diesem kreativen Stillstand Einhalt gebieten hätte können: Sam Raimi. Der Genre-Meister gilt für seine heißgeliebte „Spider-Man“-Trilogie der frühen 2000er als Pionier des modernen Superheldenfilms. Das besondere an der Reihe: Raimis stilistische Eigenheiten, die dem von ihm eigens geprägten Horrorkino der 1980er entspringen, waren stets spür- und erkennbar. Seine „Spider-Man“-Filme gelten seither narrativ wie auch ästhetisch als unerreichter Goldstandard im Comicfilm-Genre. Umso freudiger war für viele die Botschaft, dass Raimi nach 10-jähriger Kinoabstinenz endlich wieder zurückkehren und die Regie bei „Doctor Strange 2“ übernehmen sollte. Die erhoffte Rettung des Marvel-Films bleibt aber aus. Warum der Superheldenblockbuster trotz Raimis sichtbarer Handschrift leider immer noch mehr Marvel- als Raimi-Film bleibt, kann dem folgenden Text entnommen werden.

    Vorerst aber: worum geht es eigentlich? Dr. Stephen Strange kommt einfach nicht zur Ruhe. Der Magier, der in der Vergangenheit im Alleingang oder mit Avengers-Kollegium bereits öfters die Welt rettete, will lediglich die Hochzeit seiner Ex-Freundin Christine (Rachel McAdams) besuchen, ehe ihm schon der nächste Einsatz bevorsteht. Das Auftauchen einer krakenartigen Kreatur hält die Bevölkerung Manhattans in Atem. Während seines Kampfs gegen das Tentakelmonster begegnet ihm auf einmal eine junge Frau, die er zuvor in seinen Träumen getroffen hatte. Die Teenagerin America (Xochitl Gomez) besitzt die Gabe, von Universum zu Universum zu wechseln. Auf ihre Kraft hat es niemand Geringeres als Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) abgesehen, die von ihrem Alter Ego Scarlet Witch zu schurkischen Taten getrieben wird. Um ihre Illusion selbst herbeigezauberter Kinder zu bewahren, will die mächtige Hexerin alles vernichten, das sich ihr in den Weg stellt. Strange begibt sich mit seiner jungen Kumpanin auf einen wilden Ritt durch die Weiten des Multiversums. Der Plan: das boshafte Vorhaben von Scarlet Witch zu stoppen und den eigentlich gutmütigen Kern der trauernden Wanda zu erreichen.

    Die vorab veröffentlichten Trailer weckten die Hoffnung, dass Marvel Querkopf Raimi tatsächlich sein eigenes Ding durchziehen ließ. Und zumindest stilistisch kann man im Endresultat definitiv Spurenelemente von Raimi erkennen. Die Farbgebung ist deutlich greller und poppiger, Szenenübergänge weit verspielter und in der Kameraarbeit herrscht spürbar mehr Bewegung als gewohnt. Die stilsicheren Spielereien verleihen dem Film eine visuelle Dynamik, die man im meist fad inszenierten Marvel-Universum kläglich vermisst. Von einem waschechten Raimi zu sprechen, wäre jedoch glatt gelogen. Es treffen hier zwei Welten aufeinander, die einfach nicht zu harmonieren vermögen: auf der einen Seite Raimis in aberwitzigen Esprit getränkte Vision, dem gegenüber gestellt ein massenabgefertigtes Marvelprodukt. Die Oberhand behält klar das Studio.

    Ein Umstand, der nur halb so traurig wäre, würde einen der Film nicht die ganze Zeit weismachen wollen, er sei mehr als das. Das von „Rick & Morty“-Autor Michael Waldron entworfene Drehbuch will Zusehenden andauernd vorzeigen, wie andersartig und risikobereit der Film doch ist. Hinter dem vorgegaukelten Mut zur Verrücktheit steckt wenig mehr als heiße Luft. Handlungsstränge werden standardgemäß auserzählt, vermeintlich riskante Entscheidungen bleiben erwartbar und uninspirierte Gastauftritte müssen erneut für mangelnde Kreativität herhalten. Selbst die Horrorelemente im finalen Akt bedienen sich just an den einflussreichen Genre-Werken des Regisseurs, ohne neue Akzente zu setzen. Immerhin hatte man hier jemanden am Steuer, der selbst die routiniertesten Schockmomente gekonnt zu inszenieren weiß.

    Wo aber Sam Raimi draufsteht, sollte auch zu 100% Sam Raimi mit drin sein. Raimi hat das Genre geprägt wie kaum ein anderer und wird hier zu einer Studioarbeit verdonnert, die den einflussreichen Eigenbrötler weitgehend an die Ketten des zynischen Marvel-Systems fesselt. Sollten wir uns wirklich mit dem baren Minimum an kreativer Freiheit zufrieden geben? Sollten wir weiterhin akzeptieren, dass sich aktuell selbst große Regisseur*innen dem überstehenden Marvel-Kosmos zu unterwerfen haben und kaum bis gar keine eigenen Ideen einbringen dürfen? James Gunn hat letztes Jahr mit „The Suicide Squad“ vorgezeigt, dass eine eigenwillige, kreative Herangehensweise an das Comic-Medium auch Anno 2021 noch möglich ist. Vorausgesetzt halt, man überlässt den Filmemacher*innen auch wirklich die Zügel. Sam Raimi hat mit „Evil Dead“ und „Spider-Man“ (über Teil 3 darf gestritten werden) zwei Trilogien von zeitloser Qualität geschaffen. Sein ,,Doctor Strange“-Film wird schon bald vom immergleichen Pantheon der Marvel-Helden verschluckt werden und vergessen sein. Man darf nur hoffen, dass Raimi demnächst wieder die Gelegenheit bekommen wird, sich vollends auszutoben. Bei Marvel scheint der Zug jedenfalls abgefahren zu sein.