Filmkritik zu A Chiara

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Jugenddrama im Mafia-Umfeld

    Exklusiv für Uncut vom Karlovy Vary Film Festival
    Der amerikanisch-italienische Regisseur Jonas Carpignano hat mit der süditalienischen Region Calabria in seinem bisherigen filmischen Oeuvre einen narrativen Schwerpunkt geschaffen. Nach „A Ciambra“ und „Mediterranea“ widmet er den Menschen und dem organisierten Verbrechen der Region mithilfe von Laiendarstellern einen erneuten Schwerpunkt. Der Film war beim Karlovy Vary Filmfestivals in der Sektion „Horizons“ zu sehen.

    Die Filme stehen zwar inhaltlich in Bezug zueinander, ähneln sich aber in ihrer Thematik. Es ist ein ungeschöntes Porträt der Region, wie die gesellschaftlichen Schichten miteinander interagieren, und welche Probleme sich dabei auftun. Der Fokus seiner Erzählung ist diesmal erstmals weiblich, in Form der 15-jährigen Chiara (Swamy Rotolo). Ihre Familie bereitet sich auf die Feier des 18. Geburtstags ihrer älteren Schwester Giulia (Grecia Rotolo) vor. Nach einer fast zu lang angelegten Dokumentierung der riesigen Feier, in der Familie und Freundschaft zelebriert werden, kommen die Feierlichkeiten zu einem abrupten Stopp. Das Auto der Familie explodiert und Chiaras Vater (Claudio Rotolo) flieht hastig über den Zaun aus dem Haus.

    Chiara, die nicht versteht warum die Familie angegriffen wurde und ihr Vater untergetaucht ist, wird von ihrer Mutter Carmela (Carmela Fumo) getröstet, dass alles in Ordnung wäre. Antworten gibt es jedoch keine. Chiara, die dieser Ruhe nicht ganz traut, stolpert zudem bald darauf über einen Fernsehbericht, der ihren Vater als flüchtiges Mitglied einer kriminellen Organisation identifiziert. Als Chiara versucht zumindest mit Giulia darüber zu reden wird ihr klar, dass alle in der Familie sich dieser Tatsache bewusst sind. Und dass Claudio anscheinend auch nicht der einzige in der Familie ist, der hier seine Finger mit im Spiel hatte.

    War Chiara nun naiv oder doch zu gut behütet? Es ist schwer zu glauben, dass Chiara nie von den Geschäften ihrer Familie mitbekommen hat, aber das ist auch nicht wichtig. Denn wichtig ist Carpignano vielmehr, wie ein Teenager mit der Tatsache umgeht, dass ihre Welt zusammenbricht und alles, woran sie geglaubt hat, nicht stimmt. Chiara beginnt privat nach ihrem Vater zu suchen, schwänzt die Schule und legt sich mit der lokalen Roma-Community an. Das führt schließlich dazu, dass das Jugendamt sie von daheim wegholt.

    Doch hier lenkt Carpignano den Film in eine andere Richtung, als zunächst erwartet. Ihm geht es weniger um die kriminelle Szene in Calabria, sondern um die Frage, wie dieser Zyklus der Gewalt durchbrochen werden kann. „Kriminalität wird vererbt. Von den Eltern an die Kinder“, stellt der Richter, der Chiaras Fall betreut, fest. Man will Chiara daher zu einer Pflegefamilie in den Norden bringen. Ihr eine Chance geben, etwas anderes aus ihrem Leben zu machen.

    Gleichzeitig zeigt er aber auch seinen tiefliegenden Respekt für die Communities dieser Region, ihre engen Bande und die gegenseitige Unterstützung. Warum, könnte man fragen, sollte sich Chiara diesem Zusammenhalt entziehen wollen? Auch, wenn dieser Zusammenhalt sich nicht nur nicht auf andere Parteien umlegt, sondern sich sogar in gefährliche Opposition stellt. Loyalität und Gewalt gehen Hand in Hand, sagt der Film, sie sind kein Oxymoron.

    Dass Chiara vor der schweren Situation steht eine Entscheidung über ihre Zukunft zu fällen, unterstreicht Carpignano unter anderem darin, dass es eben diese Außenwelt ist, die nicht wie ein Ruf der Freiheit wirkt. Sie ist ein kalter, gefährlicher Ort, der jenseits des schützenden Schirms ihrer Familie existiert. Aber genau dieser Drahtseilakt ist es, der den Film letztendlich so spannend macht.
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    (Susanne Gottlieb)
    06.10.2021
    22:50 Uhr
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