Filmkritik zu The Medium

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  • Bewertung

    Thai-Horror der Extraklasse

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Filme, in denen dämonische Besessenheit und ein schlussendlicher Exorzismus im Vordergrund stehen, sind im Horrorfach gewiss keine Seltenheit. William Friedkin lehrte 1973 mit dem bis heute wohl wirksamsten Exorzismus-Schocker einem Massenpublikum Furcht und Schrecken. Viele Genre-Vertreter aus der Gegenwart erfüllen in ihrer Verwendung abgenutzter Tropen und Klischees kaum mehr einen Effekt. Dass es aber sehr wohl auch heutzutage noch möglich ist, Exorzismus-Horror zu produzieren, der unter die Haut geht und Kultpotential besitzt, das beweist der genreerprobte Thailänder Banjong Pisanthanakun („Shutter“, „Alone“) mit seinem neuesten Werk „The Medium“.

    Der paranormale Horrorfilm entführt Zuschauer*innen in ein kleines Dörfchen im Nordosten Thailands und rückt eine scheinbar von Dämonen besessene junge Frau ins Zentrum. Ein Team von Dokumentarfilmern begibt sich ins Dorf, um den obskuren Alltag der Schamanin Nim (Sawanee Utoomma) mit der Kamera festzuhalten. Als Nim in Folge eines Begräbnisses seltsame Verhaltensweisen in ihrer Nichte Ming (Narilya Gulmongkolpech) feststellt, meint sie, die junge Frau sei vom Geist einer Naturgöttin besessen - wie zuvor schon andere Mitglieder innerhalb der Familie. Dem Dokumentationsteam kommen die skurrilen Vorkommnisse nur gelegen und sie richten ihren Fokus schon bald auf die besessene Nichte. Mings zunehmend aggressiveres und unheimlicheres Benehmen zieht aber verheerende Konsequenzen nach sich und es scheint, als gäbe es nur mehr einen Ausweg aus der Situation: ein exorzistisches Ritual, um der jungen Damen die bösen Geister auszutreiben.

    Regisseur Pisanthanakun und Co-Drehbuchautor Na Hong-jin, der mit „The Wailing“ eines der wohl eindringlichsten Stücke Asia-Horror des vergangenen Jahrzehnts vorlegte, ist mit „The Medium“ ein wahres Glanzstück des zeitgenössischen Blut- und Beuschelkinos geglückt. Verschiedenste Subgenres des Horrorkinos wurden hier zusammengewürfelt, ergeben in der Endsumme aber ein einheitliches und äußerst schmackhaftes Ganzes. Zu Beginn bewegt sich der Film in den Sphären einer Mockumentary fort und gaukelt dem Publikum eine Scheinrealität vor. Auch der Ton scheint anfangs noch vergleichsweise beschwingt und leichtfüßig, je mehr sich der Schocker aber im blanken Horror seines Szenarios einnistet, desto unbequemer wird auch die Atmosphäre. Gekonnt wechselt das Genre-Werk die Gänge, ohne aber je auf die Bremse zu drücken. Gerade das letzte Drittel ist in seinem Hergang deutlich radikaler und schonungsloser geworden, als einiges, das man in den letzten Jahren im Horrorkino zu Sicht bekommen hat. Die gelungene Mischung aus semi-dokumentarischen und Found-Footage-Elementen verleiht dem Geschehen im Film einen Wirklichkeitsgrad, der so manch Moment besonders schmerzhafaft macht und albtraumhafte Bilder für die Ewigkeit erschafft. Geschickt platzierte rote Heringe, glaubwürdige Schauspieldarbietungen und virtuoses Handwerk gestalten die Seherfahrung umso nervenzerreißender.

    Banjong Pisanthanakun ist mit „The Medium“ ein seltener Coup gelungen: ein Horrorthriller, der altbewährte Genre-Elemente zu etwas Innovativem und gänzlich Neuem vermischt. Körperliches Kino, das überwältigt, mitreißt und ja, sogar weiß wie ein ausgelutschtes Genre-Werkzeug, wie der Jumpscare, effektiv zum Einsatz gebracht werden kann. Asia-Horror par excellence!