Filmkritik zu The Feast

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Die Natur schlägt zurück

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Zusätzlich zur Folk-Horror-Retrospektive, die im Rahmen des Slash Filmfestivals internationale Genreklassiker in den Fokus rückt, waren im Slash-Programm auch einige kontemporäre Vertreter des Subgenres zu finden. Unter anderem der vollkommen in walisischer Sprache gedrehte Öko-Horrorstreifen „The Feast“ von Lee Haven Jones, der seine Premiere im März am South by Southwest Festival feiern durfte. In seinem Langspielfilmdebüt adaptiert der Filmemacher, sonst vorwiegend für Fernsehproduktionen tätig, ein traditionelles walisisches Volksmärchen, und setzt es gekonnt als Metapher für Umweltzerstörung und Kapitalismus in Szene.

    Inmitten in der idyllischen Landschaft Wales‘ ragt wie ein Ungetüm ein hässliches, fehlplatziertes Haus hervor. Mutter Glenda ist gerade dabei ein Festmahl zuzubereiten, denn die Familie erwartet heute wichtige Dinnergäste. Kurz darauf trifft die triefend nasse Serviceaushilfe Cadi im Anwesen der Familie ein, ihre mangelnden gastronomischen Fähigkeiten scheinen vorerst niemanden aufzufallen. Die zwei Söhne, Guto und Gweirydd, sowie Familienoberhaupt Gwyn, treiben sich ebenfalls in den Räumlichkeiten des architektonischen Albtraums herum, während der rebellische Guto wegen seiner Drogensucht zu einem Zwangsaufenthalt am Land verdonnert wurde, legt sein Bruder bizarres narzisstisches Verhalten an den Tag. Die dysfunktionale Familie hat ihren Reichtum vor allem dem Abbau natürlicher Ressourcen, derer sie sich ohne Rücksicht auf Natur und Mensch bedingungslos bedienen, zu verdanken. Dass sich die Natur in Form der reservierten, mysteriösen Cadi zurückholt, was ihr schmerzlich genommen wurde, wird den ahnungslosen Sünder*innen erst zu spät bewusst.

    Der folkloristische Kern des Werks steht im krassen Gegensatz zur unterkühlten, modernen Kameraführung und einem einschneidenden Score, womit sich „The Feast“ als einwandfreier Vertreter des neuen, europäischen Arthouse-Horrors etabliert. Der Film nimmt sich anfangs sehr viel Zeit eine gewisse Atmosphäre aufzubauen und verliert sich beinahe in seiner Ästhetik. Geduldige werden allerdings mit einer gnadenlos blutigen Klimax im dritten Akt für die Warterei mehr als entschädigt. Die hochstilisierte Kinematographie setzt den beunruhigenden, verstörenden Ton des Streifens und nimmt uns, beinahe wie ein eigenständiger Charakter handelnd, auf die heimliche Erkundung der öden Gänge und tristen Gemächer mit, in die wir meistens nur einen Türspalt weit Einblick gewährt bekommen.

    Auch wenn die Charaktere bewusst stark überzeichnet und auf vorwiegend eine (schlechte) Eigenschaft reduziert wurden, um das Ausmaß ihres Fehlverhaltens so deutlich wie möglich zu transferieren, hätte man sich durch ein wenig mehr Charaktertiefe emotional besser auf den Film einlassen können. So übermittelt „The Feast“ zwar eine deutliche Botschaft von Ressourcenausbeutung und Kapitalismuskritik, mit ein wenig mehr Subtilität und Zurückhaltung wäre man hier allerdings einen besseren Weg gegangen. Dennoch lässt der Film vor allem in seinen fantastischen Elementen mittels suggestiver Andeutungen dem Publikum genügend Spielraum für Eigeninterpretationen. Vor allem bei den völlig überraschenden sehr expliziten Gore-Darstellungen dürfte den meisten Horror-Jünger*innen das Herz aufgehen.

    Ein echter Augenschmaus!
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    (Julia Pogatetz)
    27.09.2021
    23:44 Uhr