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    Romeros verschollener Schatz

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    George A. Romero, der 2017 im Alter vom 77 Jahren den Folgen einer Lungenkrebserkrankung erlag, gilt unbestritten als einer der wichtigsten und einflussreichsten Regisseure der Horrorfilmgeschichte. Für große Genrewerke wie „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978) und allen folgenden Fortsetzungen wurde der US-Amerikaner nicht umsonst als der Urvater des Zombiefilms betitelt. Aber auch heutige Horrorklassiker wie „The Crazies“ (1973), „Martin“ (1978) oder die Anthology „Creepshow“ (1983) machten Romero abseits der ‚lebenden Toten‘ zu einer Größe des Genre-Kinos. Nichtsdestotrotz blieb eine Perle im Schaffen des Horrormeisters über Jahrzehnte hinweg unauffindbar. Mitte der 70er-Jahre wurde Romero von einer lutherischen Wohltätigkeitsorganisation dazu beauftragt, einen Lehrfilm über die Folgen von Altersdiskriminierung zu drehen. Der dabei entstandene Horrorthriller „The Amusement Park“ war den Lutheranern wohl zu provokant und schockierend, um damit eine breite Masse anzusprechen. Als Resultat wurde der fertige Film nur für einen sehr kurzen Zeitraum verwendet und galt danach jahrzehntelang als verschollen. 2017 wurde aber plötzlich eine 16mm-Kopie des ‚verschwundenen‘ Werks aufgetrieben und in Folge restauriert. Seit Ende 2019 wird der Film von Festival zu Festival gereicht. Ein Jammer, dass der eigentliche Lehrfilm so lange in Archiven verweilen musste, denn hier handelt es sich um ein wahrhaft großes Werk im ohnehin beachtlichen Schaffenskatalog Romeros.

    Im gerade Mal 54-minütigen Schocker entscheidet sich ein Herr älteren Semesters (Lincoln Maazel) dazu, den Komfort eines mysteriösen, weißen Raums zu verlassen und die scheinbar aufregende Außenwelt zu erkunden. Direkt vor der Tür erwartet ihn ein Vergnügungspark, der auf den ersten Blick Spaß und Ausgeglichenheit verspricht. Während er aber durch den Park schlendert, muss der Senior feststellen, dass sämtliche Attraktionen ältere Menschen benachteiligen. Vor der Achterbahn steht ein Schild, das darauf aufmerksam macht, dass nur Personen bis zu einem gewissen Alter und in angemessener körperlicher Fassung damit fahren dürften. Fürs mickrige Autodrom-Fahren wird ein Augentest benötigt. Eine Gruppe älterer Menschen versucht Familienerbstücke zu verscherbeln und wird im Endeffekt von Schaustellern übers Ohr gehauen. Was nach außen hin wie ein einladender Jahrmarkt erscheint, entpuppt sich für Senior*innen als gespenstische Todesfalle.

    „Remember as you watch the film: One day you will be old.“ - Mit diesen warnenden Worten gibt Lincoln Maazel höchstpersönlich in einem kurzen Intro zu Beginn einen kleinen Vorgeschmack darauf, was uns bevorsteht. Untermalt von kühlen, nahezu albtraumhaften Bildkompositionen, die zunehmend surrealer werden, inszeniert Romero den Prozess des Altwerdens als den blanken Horror. Garniert wird das ganze mit gewohnt scharfsinniger Sozialkritik und gesellschaftlichen Beobachtungen, die leider auch heute noch der Wahrheit entsprechen. Gerade in Zeiten, in denen ältere Menschen oft als Sündenbock herhalten müssen und aufgrund des Fehlverhaltens jüngerer Generationen zu kurz kommen, hat der als Lehrfilm angedachte Geniestreich kaum an Relevanz eingebüßt. Eindringlich bleibt vor allem ein Moment, in dem ein junges Paar eine Wahrsagerin über ihre gemeinsame Zukunft ausfragt und die beiden gleich mit den Schreckensseiten des hohen Alters konfrontiert werden.

    Mit „The Amusement Park“ hat George A. Romero einen zwar sehr kurzen, aber durch und durch aufwühlenden Film über den Alterungsprozess geschaffen, der nichts an seiner Dringlichkeit verloren hat und nun endlich einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird. Das Leben ist ein großer, aufregender Jahrmarkt, dessen Vergnügen den Alten und Schwachen jedoch verwehrt bleibt. Der Sensenmann wartet bereits am Karussell.