Filmkritik zu Das Ereignis

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  • Bewertung

    Eine Abtreibung im Frankreich der 60er Jahre

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux veröffentlichte im Laufe ihrer Schreibkarriere mehrere autobiographische Bücher, so auch im Jahr 2000 „Das Ereignis“, in der sie ihre Abtreibung mit Anfang 20 thematisierte. Regisseurin Audrey Diwan verfilmte nun das eindringliche Werk, das ihr den „Goldenen Löwen“ in Venedig sicherte. Und obwohl der Film zwar in den 60er-Jahren in Frankreich spielt, könnte er aktueller nicht sein: denn während das Recht auf Abtreibung heutzutage eigentlich kein Thema mehr sein sollte, über das groß debattiert wird, muss man nur auf die aktuellen Entwicklungen rund um die strikten Abtreibungsgesetzte in Texas schauen, um zu sehen, dass dem nicht so ist.

    Frankreich, im Jahr 1963: Anne (Anamaria Vartolomei) studiert gemeinsam mit ihren zwei besten Freundinnen Literatur. Die Eltern sind stolz, sie gilt als regelrechte Musterstudentin. Eines Tages wird sie jedoch ungewollt schwanger. Aus Angst, mit einem Kind das Studium nicht beenden zu können, sucht Anne nach einem Ausweg. Doch Abtreibungen sind im Frankreich der 60er-Jahre illegal. Auf alternative Methoden angewiesen, beginnt für die junge Studentin eine Odyssee aus Möglichkeiten und Hindernissen – die immer mit einer Menge Gefahren verbunden sind.

    Brutal. Besser kann man Audrey Diwans intensives Abtreibungsdrama wohl nicht beschreiben. Nichts wird hier beschönigt, alles wird gezeigt. So wies es ist. Denn auch die Realität ist oftmals brutal. Trotzdem wäre eine Triggerwarnung vor Beginn des Films nicht schlecht gewesen. Wem die Stricknadelszene des diesjährigen Cannes-Gewinners „Titane“ zu viel war, wird bei „Das Ereignis“ jedenfalls noch stärker an seine Grenzen gehen.

    Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Anne, die von Anamaria Vartolomei eindrucksvoll verkörpert wird. Konsequent konzentriert sie sich zu Beginn auf ihren Studienfortschritt, entschlossen versucht sie später über ihren eigenen Körper entscheiden zu dürfen. Zwischen Angst und Rebellion liefert Vartolomei dabei ein facettenreiches Bild einer starken Frau, die auf ihrem Weg zu Emanzipation so manche Hürde auf sich nehmen muss – und so manche körperliche Qual.

    Aufgrund der expliziten Szenen rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch stellt „Das Ereignis“ einen doch recht gewagten Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale dar – gut so! Das zugrundeliegende Thema schiebt sich allerdings oft so stark in den Vordergrund, dass die Inszenierung dann etwas auf der Strecke bleibt. Von den Schockmomenten abgesehen, fehlt es dazwischen ein wenig an der nötigen Tiefe und nuancierten Übergängen, insgesamt wirkt es manchmal so, als würden bestimmte Etappen des Drehbuchs einfach abgehakt werden. So scheint auch das Ende dann sehr schnell forciert worden zu sein.

    Trotzdem ist „Das Ereignis“ ein sehr eindrucksvolles und vor allem wichtiges Werk. Diwan und gerade auch Vartolomei gelingt es, dass man sich in Anne geradezu hineinversetzen MUSS (so stark, dass manche Zuschauer*innen sogar den Kinosaal verlassen mussten). In einem intimen Porträt, welches auf realen Ereignissen basiert und dessen Kontext auch einfach thematisiert werden MUSS. Und dieser wurde hier auch sehr eindringlich verbildlicht.
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    (Marion Schlosser)
    24.10.2021
    13:32 Uhr