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  • Bewertung

    Ein Mann gegen ein Gesetz

    Exklusiv für Uncut
    „Aber dir war das egal, weil du keine Angst hast. Ich will auch keine Angst mehr haben.“

    In seinen zweiten Spielfilm widmet sich der österreichische Filmemacher Sebastian Meise nach seinem imposanten Debüt „Stillleben“ einer der größten Ungerechtigkeiten der Justizgeschichte. Mit Franz Rogowski und Georg Friedrich in den Hauptrollen erzählt das Drama „Große Freiheit“ von (verbotener) Liebe, Freundschaft, Akzeptanz und Loslassen. Die deutsch-österreichische Ko-Produktion wurde im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes uraufgeführt, wo er in der Sektion „Un Certain Regard“ gar mit dem renommierten Jurypreis ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus wurde „Große Freiheit“ erst kürzlich als der österreichische Kandidat für das Rennen um den Oscar für den „Besten Internationalen Film“ bekannt gegeben.

    Das Leben von Hans Hoffmann (Rogowski) scheint sich im Kreis zu drehen: Wieder und wieder landet der Deutsche aufgrund seiner Homosexualität, die bis 1969 von der Bundesrepublik Deutschland unter dem berüchtigten Paragraphen 175 strafrechtlich geahndet wurde (wer denkt, das wäre spät: in Österreich war das erst 1971 der Fall), im Gefängnis. Trotz dieser brutalen Umstände gibt Hans seine Liebes- und Lebenslust nicht auf, auch wenn ihm diese erneut die Freiheit beraubt. Als er 1945 direkt vom Konzentrationslager in die Haftanstalt überstellt wird, muss er sich die Zelle mit dem rüden Mithäftling Viktor (Friedrich) teilen, der ganz und gar nicht begeistert von Hans‘ sexuellen Vorlieben ist. Nach anfänglichen Anfeindungen formt sich über die Jahre hinweg eine innige Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Männern. Als sich die beiden schließlich im Jahr 1968 im selben Gefängnis wiedertreffen, bietet sich für Hans die Chance dem mittlerweile im Gefängnis der Drogensucht verfallenen Viktor aus der Klemme zu helfen.

    In nüchterner, beinahe dokumentarischer Art und Weise skizziert Meise auf mehreren Zeitebenen den schwierigen Gefängnisalltag seines naiv anmutenden Titelhelden, der allen Widrigkeiten zum Trotz den Glauben an ein Leben in Freiheit nicht aufgeben möchte. Mit bemerkenswerter Hingabe von Ausnahmetalent Franz Rogowski (Transit, Undine), der für die Darstellung seiner Figur körperliche Höchstleistungen erbringen musste, gelingt es den Protagonisten Hans zu einer vollkommen authentischen, dreidimensionalen Figur heranreifen zu lassen. Auch Georg Friedrich, hinter dessen rauer Fassade sich im Film ein durchaus weicher Kern verbirgt, vermag es mit einer nie dagewesenen Emotionalität zu überzeugen und über seine Paraderolle als „zwielichtiger Gauner mit dem Wiener Schmäh“ hinauszuwachsen.

    Visuell wird die karge Gefängnislocation über den Film hinweg von analogen Filmaufnahmen unterbrochen, die den krassen Gegensatz zu Hans‘ Leben in der Gefangenschaft aufzeigen, sei es mittels expliziter Sexszenen auf öffentlichen Toilettenanlagen oder intime Momente mit seiner großen Liebe.

    Der Titel „Große Freiheit“ bezieht sich übrigens nicht bloß auf das Freiheitsstreben der Hauptfigur, sondern ist eine bewusste Anspielung auf die gleichnamige Seitenstraße der Hamburger Reeperbahn, in der früher, wie heute Szenelokale und berüchtigte Nachtclubs angesiedelt waren.

    Zwar lässt sich „Große Freiheit“ viel Zeit seine spezielle Erzählstruktur aufzubauen und in die Charaktere hineinzufinden, die Mühe ist es aber allenfalls wert, vor allem das großartige, bitter-süße Ende des Films zieht einen effektvollen Schlussstrich unter die nicht enden wollende Odyssee der Hauptfigur.

    Sebastian Meises Werk ist ein herausragendes Beispiel österreichischer Kinokunst, das enorm von seinen exzellenten Darstellern profitiert und wieder mal vor Augen führt, dass Rogowski zweifelsohne zu den besten Schauspielern der Gegenwart gezählt werden kann!
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    (Julia Pogatetz)
    26.11.2021
    10:19 Uhr
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