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    I have tried in my way to be free

    Exklusiv für Uncut
    Der kanadische Filmemacher Matt Bissonette, in dessen früheren Filmen Leonard Cohen bereits eine Rolle gespielt hat, bezieht sich in „Death of a ladies’ man“ immer wieder auf den Poeten, Schriftsteller und Songwriter, der mit Liedern wie „Hallelujah“ und „Suzanne“ bekannt wurde und in Montreal geboren ist. Dort spielt auch der erste Teil (Like a worm on a hook) und der letzte Teil (Let us sing another song, boys, this one has grown old and bitter) des dreiteiligen Films. Der zweite Teil (There is a crack in everything) hingegen ist in Irland, dem Heimatland des Protagonisten Sam im Film, angesiedelt, gleichzeitig Heimat von Gabriel Byrne, der Sam meisterhaft verkörpert und im echten Leben auf eine erfolgreich überwundene Alkoholsucht zurückschaut. Der Film trägt also nicht nur den Namen eines Cohen-Albums, die drei Abschnitte, in die der Film gegliedert ist, heißen wie Zeilen aus Cohen-Texten, in einer Halluzination hört der Hauptdarsteller ein Cohen-Lied anstelle der Nationalhymne, und die Frau, die er in Irland kennenlernt, liest dessen Roman „Beautiful losers“. Bissonettes Film ist eine Hommage an den Poeten, und behandelt gleichzeitig die Themen, die dessen Texten zugrunde liegen: Einsamkeit, die Frage nach dem Sinn, dem Leben und dem Sterben, Rausch und Sex.

    Die Geschichte des Films ist rasch erzählt: Ein alternder Frauenheld, der gerne mehr als einen über den Durst trinkt, merkt, dass er nicht mehr so anziehend und erfolgreich ist. Seine zweite Frau betrügt ihn als Reaktion auf die vielen Male, die er sie betrogen hat, seine Kinder aus erster Ehe nehmen ihn in seinem Kummer nicht ernst, seine Ex-Frau will wieder heiraten, und er selbst hat Halluzinationen, über die er außer mit einem Freund und seinem toten Vater, der auf einmal bei ihm zu Hause auftaucht, mit niemandem reden kann. Konfrontiert mit der Diagnose Hirntumor zieht er sich nach Irland, woher er stammt, in ein einsames Cottage zurück, um seine Wunden zu lecken und das große Buch zu schreiben, das er immer schon schreiben wollte. Es ist die Geschichte eines Narzissten, der niemanden außer sich selbst wirklich sehen kann, und sich nicht binden kann, weil er früh von der Mutter verlassen wurde. Die Rettung muss in Gestalt einer Frau kommen. Oder?

    Was den Film anders als andere Filme macht, die sich mit ähnlichen Themen befassen, ist seine Durchwobenheit mit großartigen Textzeilen und kleinen Szenen, die einen Anflug von Größe haben, weil sie Fragen stellen und nichts beantworten. Wenn Sam z.B. den „Geist seines Vaters“ (er witzelt darüber in Anlehnung an Hamlet) fragt, wie denn das Sterben sei und der ihm (nicht) antwortet, indem er es vergleicht mit anderen Dingen, die man genauso wenig beschreiben kann, damit Sex zu haben beispielsweise oder mit dem Fallen des Schnees, ist das so ein Moment.

    Gabriel Byrne, bekannt aus Filmen wie „Die üblichen Verdächtigen“ und der Serie „In Treatment – Der Therapeut“ trägt den Film mit seiner wirklich großartigen Performance. Auch Karelle Tremblay, die seine Tochter aus erster Ehe Josee darstellt, die im Theater in schrägen Stücken auftritt und ihrem Vater auf seinem Weg in die Sucht nachfolgt, spielt ihre Rolle glaubwürdig und souverän. Es lohnt auch, auf YouTube die „Death of a Ladies’ Man Sessions“, die Musikerfreunde des Regisseurs gemacht haben, um den Film zu promoten – zu suchen und sich Tremblays Version von „Chelsea Hotel“ anzuhören, von dem gesagt wird, Cohen hätte es über Janis Joplin geschrieben.

    Der Film hat einen Humor, bei dem einem oft das Lachen im Hals steckenbleiben möchte, man aber trotzdem lacht, mit einem Knoten im Bauch, weil einem außer Lachen nichts übrigbleibt. Auch die Bildsprache im Film ist ambivalent. Da sind auf der einen Seite stille Aufnahmen von Montreal im Schnee, eine lange Einstellung auf den Hauseingang, in dem Sam mit seiner Ex-Familie Weihnachten feiern wird, in die der Zuseher eintauchen kann, auf der anderen Seite gibt es die Welt von Sams Halluzinationen, in der alles schnell und „glossy“ ist wie in der Werbewelt, und die völlig übertrieben ist. Der Gegensatz ist spannend, war mir aber zu stark überzeichnet. Auch die (wenigen) Momente, in denen der Film musicalhafte Züge annimmt, haben mich nicht überzeugt, obwohl der Soundtrack wunderbar ausgewählt ist.

    Leider bin ich letztlich trotz vieler starker Momente, Zeilen und Bilder etwas ratlos aus dem Kinosaal gegangen, weil auch das Pseudohappyend für mich nicht so recht zum Rest der Geschichte passen wollte. Aber vielleicht wollte das Bissonette auch gerade, den Zuseher noch länger darüber nachdenken lassen, was er sich da gerade eigentlich angesehen hat. Auf jeden Fall war mein Kopf voller großartiger Liedzeilen und der Stimme Leonard Cohens. Als Hommage an den Poeten ist „Death of a ladies’ man“ also allemal gelungen.
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    (Irene Hetzenauer)
    29.07.2021
    18:42 Uhr
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