Filmkritik zu Drive My Car

Bilder: Polyfilm Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    Baby, you can drive my car

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Der Japaner Ryusuke Hamaguchi ist auf der diesjährigen Viennale gleich mit zwei Filmen vertreten. Neben dem Episodenfilm „Wheel of Fortune and Fantasy“ findet sich auch „Drive My Car“ im Programm, eine Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus dem Sammelband „Von Männern, die keine Frauen haben“. Das dialoglastige Werk wurde in Cannes gleich dreifach ausgezeichnet: mit dem Preis für das „Beste Drehbuch“, dem „FIPRESCI Preis“ und dem „Preis der Ökumenischen Jury“.

    Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) ist ein erfolgreicher Theaterregisseur/-schauspieler und hat sich auf multilinguale Theaterprojekte spezialisiert. Seine Frau Oto (Reika Kirishima) schreibt dabei meistens die Drehbücher. Doch dann stirbt diese unerwartet an einer Hirnblutung. Zwei Jahre später: Yusuke soll in Hiroshima Tschechows „Onkel Wanja“ inszenieren. Dabei trifft er nicht nur auf den ehemaligen Liebhaber seiner toten Frau, Koji Takatsuki (Masaki Okada), sondern auch auf Misaki (Toko Miura), die ihm als persönliche Fahrerin zugeteilt wird. Nach einer anfänglichen Skepsis – Yusuke lernt während seinen Autofahrten nämlich immer mithilfe einer Audiokassette seine Texte – vertrauen sich die beiden Mitglieder der neugebildeten Fahrgemeinschaft gegenseitig immer mehr persönliche Geschichten an.

    „Drive My Car” vereint das künstlerische Werk dreier Männer, die aus ganz unterschiedlich stilistischen Richtungen kommen: Hamaguchi verfilmt Murakami, der über Tschechow schreibt. Tschechows „Onkel Wanja“ dient dabei als Vehikel existenzieller Fragen, so ganz überein kommt der Film aber nicht mit dem bedeutenden russischen Drama, welches sich viel stärker auf gescheiterte Leben im herkömmlichen Sinne fokussiert. „Drive My Car“ fußt in Kontemplation, „Onkel Wanja“ eher in Tristesse.

    Die Theaterprojekte stellen aber trotzdem einen der interessantesten Aspekte des Films dar, was auf ihre spezielle Art der Umsetzung zurückzuführen ist. So wird im Laufe des Films nicht nur „Onkel Wanja“ sondern auch eine Szene aus „Warten auf Godot“ gleichzeitig in mehreren Sprachen aufgeführt – jede*r Darsteller*in spricht den jeweiligen Part der gemeinsamen Dialoge in seiner/ihrer jeweiligen Muttersprache. In Yusukes Inszenierung von Tschechow kommt anhand der Rolle der Sonja zum Beispiel auch die Gebärdensprache zum Einsatz (großartig: Yoo-rim Park als stumme Schauspielerin Lee Yoon-a).

    Eine weitere Säule des Films stellt die nicht-romantische Beziehung zwischen Yusuke und Misaki dar. Anhand ihrer Gespräche erhält der Film in gewisser Weise einen roten Faden – passend zum roten Saab, der ständig zu sehen ist - der die verschiedenen Elemente miteinander verknüpft. Vieles wird in „Drive My Car“ nämlich zuerst angedeutet und erst später aufgelöst. Im Laufe der Handlung wird dann immer deutlicher, dass jede der Personen ihre eigenen Geheimnisse hat und mit persönlichen Geistern der Vergangenheit konfrontiert ist. Die Autofahrten, die im Hintergrund von der Stimme einer Toten begleitet werden, ergänzen sich dazu geradezu meditativ.

    Mit einer Laufzeit von knapp drei Stunden, erscheint es beinahe schon absurd, dass „Drive My Car“ auf einer Kurzgeschichte basiert. Auch, dass fast nach einem Drittel der gesamten Laufzeit erst das Ende des Prologs erreicht ist. Man muss also schon so einiges an Sitzfleisch mitbringen, wenn man sich auf Ryusuke Hamaguchis neuestes Werk einlässt. Es erwartet einen dafür aber ein sehr atmosphärischer Stimmungsfilm, der zwischendurch vielleicht etwas zerstückelt wirkt, letztendlich aber den Kreis in besonders effektiver Weise zu schließen weiß.
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    (Marion Schlosser)
    01.11.2021
    23:19 Uhr