Filmkritik zu Roadrunner

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  • Bewertung

    Ein bittersüßer Abschiedsbrief

    Exklusiv für Uncut vom Tribeca Film Festival
    „I took a walk in this beautiful world, felt the cool rain on my shoulder. Found something good in this beautiful world, I felt the rain getting colder...“ Diese dem Intro der CNN-Dokumentarserie „Anthony Bourdain: Parts Unknown“ entnommenen Worte könnten kaum treffender das turbulente Leben und Werk des „Enfant terrible“ der Gastronomie, Spitzenkoch Anthony „Tony“ Bourdain beschreiben. Mit dem Film „Roadrunner: A Film About Anthony Bourdain“ von Oscar-Gewinner Morgan Neville („20 Feet from Stardom“, „Won’t You Be My Neighbor“) wird dem Bestsellerautor, der sich 2018 das Leben genommen hat, ein würdiges Denkmal gesetzt. Die Dokumentation wurde im Rahmen des Tribeca Film Festival uraufgeführt und soll Mitte Juli in den US-amerikanischen Kinos anlaufen.

    Der Film gestaltet sich als eine Art poetischer Abschiedsbrief, der durch die schönen und weniger schönen Phasen von Bourdains Leben führt. Bourdain fand erst sehr spät in seinem Leben zu Ruhm, als ihn sein Buch „Kitchen Confidential - Adventures in the Culinary Underbelly“ mit 43 Jahren schlagartig zum Bestseller-Autor machte. Was folgte, klingt wie ein wahrgewordener Traum: Buchverträge, Lesereisen, eine eigene Fernsehshow. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es Tony schließlich in seinem ersten TV-Format „No Reservations“ mit seinem unvergleichlichen bösen Humor und einer gehörigen Portion Mut in Bezug auf außergewöhnliche Speisen, die er vor den Augen der Zuseher*innen mit Neugierde verschlungen hat, auch vor der Kamera zu überzeugen. Dass dem Gourmet der plötzliche Ruhm zu viel würde, ahnte damals noch kaum jemand. Obwohl Tony immer wieder über die Dämonen seiner Vergangenheit, seine Heroinsucht und Depressionen, sprach, schien es, als hätte er mit seinen überaus erfolgreichen und mit zahlreichen Preisen bedachten Food & Travel-Shows endlich seine Passion gefunden. Während viele essensbezogene Reisedokumentationen oft nur ein eher oberflächliches Bild ihrer Region wiedergeben, gelang es Bourdain schließlich in seinen Shows „Parts Unknown“ und „No Reservations“ zutiefst authentische Länderporträts zu schaffen, die derart komplex und vielschichtig waren, wie es nie eine Show dieser Art zuvor darzustellen vermochte.

    Ein besonderes Merkmal von „Roadrunner: A Film About Anthony Bourdain“ ist das Voiceover von Bourdain selbst, das uns durch den Film führt und den Zuseher*innen den Eindruck vermittelt als würde er selbst Resümee über sein chaotisches Leben ziehen. Die Aufnahmen, die Bourdain für seine Shows stets selbst verfasst hat, beweisen welch lyrisch und intellektueller Mensch Bourdain eigentlich war. Er selbst sah sich immer mehr als Schriftsteller denn als Koch. Die Dokumentation zeigt allerdings auch eindringlich, wie sehr er sich dabei stets selbst unter Druck gesetzt hat, seinen eigenen Ansprüchen zu genügen und schließlich an der Angst vorm Versagen zu Grunde gegangen ist. Erst im letzten Drittel wird genauer auf den Suizid von Bourdain eingegangen, der am 8. Juni 2018 die kulinarische Welt erschütterte. Starkoch Eric Ripert, der zu dieser Zeit mit Bourdain im französischen Elsass für die Dreharbeiten der 12. Staffel von „Parts Unknown“ auf Reisen war, reminisziert im Interview von seinem langjährigen Freund und Kollaborateur, mit dem er zahlreiche Erinnerungen verbindet. Weitere Interviewgäste, die neben Archiv- und Privataufnahmen immer wieder zu Tonys Karriere und Lebensweg befragt werden, sind unter anderem Josh Homme, bekannt als Sänger der Band „Queens of the Stone Age“, der Street-Art-Künstler David Choe und „The Kills“-Frontfrau Alison Mosshart, die zu Bourdains engsten Freundeskreis zählten.

    Der Fokus des Films liegt aber vorwiegend auf den glücklichen Zeiten im Leben des Autors, als seinem unschönen vorzeitigen Ende. Auch wenn er selbst die kulinarische Welt als „A business I both love and have mixed feelings about“ beschrieb, merkte man dem eigentlich als zynisch und aufbrausend verrufenen US-Amerikaner die Leidenschaft, mit der er über lokales Streetfood referierte und die hiesigen Bewohner*innen des jeweiligen Reiseziels in Gespräche verwickelte, deutlich an.

    „Roadrunner: A Film About Anthony Bourdain“ ist ein zutiefst intimes und sensibles Porträt eines Mannes, der auszog um die Welt zu erschmecken. Private Handyaufnahmen und aufrichtige Gespräche skizzieren die unbekanntere Seite des Weltenbummlers, die ihn als nachdenklichen, schüchternen Mann darstellen, der sich seines Ruhms unentwegt als unwürdig empfand. Ein Liebesbrief an das Leben, unsere wunderschöne Erde und der Freude an der Kulinarik!
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    (Julia Pogatetz)
    29.06.2021
    21:24 Uhr