Filmkritik zu Time

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  • Bewertung

    Alternde Auftragskiller

    Exklusiv für Uncut vom International Film Festival Rotterdam
    Das Konzept, etwas in die Jahre gekommene Agenten zum Zentrum rasanter Actionkomödien zu machen, kennt man schon von Hollywoodblockbustern wie beispielsweise „R.E.D.“, in dem Bruce Willis gemeinsam mit Morgan Freeman, Helen Mirren und John Malkovich auf Verbrecherjagd ging. Ricky Kos „Time“ funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, statt mit ehemaligen Geheimagent*innen hat man es nun jedoch mit ehemaligen Auftragskiller*innen zu tun. Dabei legt der Regisseur nicht nur eine äußerst erfrischende Vorgehensweise an den Tag, sondern versammelt auch drei Urgesteine des Hongkonger Kinos: Patrick Tse, Petrina Fung und Suet Lam.

    In jungen Jahren als Auftragsmörder*innen aktiv, befinden sich Messerspezialist Chau (Patrick Tse), Akrobatikkünstlerin Mrs. Fung (Petrina Fung) und Fluchtfahrer Chung (Suet Lam) heute bereits jenseits der 80. Und was macht man als ehemalige Berufskiller*innen mit fortschreitendem Alter? Man gründet ein Unternehmen, getarnt als Pflegeservice, um Sterbehilfe an alten und kranken Menschen anzubieten. Als sich jedoch die Teenagerin Tsz-Ying (Suet-Ying Chung) bei dem skurrilen Trio meldet und ihren Todeswunsch offenbart, ändert sich das Leben der Drei und vor allem Chaus Geduld wird auf die Probe gestellt. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen ihm und dem Mädchen sogar eine großväterliche Beziehung, was das ganze Unterfangen zunehmend verkompliziert. Und auch Mrs. Fung und Chung haben mit einigen privaten Problemen zu kämpfen.

    Bereits die Eröffnungsszene von „Time“ macht deutlich, dass man es nicht mit einem gewöhnlichen Film zu tun hat. So wird die Vorstellung der jüngeren Versionen der Protagonist*innen mit animierten Kampfszenen untermalt, die einen gelungenen Auftakt für den nun folgenden Genremix darstellen: Action, Komödie oder doch eher Drama? Man weiß nicht ganz, wie man „Time“ einordnen soll – das macht aber nichts, da sich die verschiedenen Genreelemente ganz vorzüglich miteinander verbinden. Leider hapert es hier aber auf narrativer Ebene, fehlende Hintergrundinformationen und ein viel zu direkter Einstieg lassen den Prolog nämlich sehr gehetzt erscheinen. Man möchte meinen, dass dies vielleicht gar nicht so schlimm ist, da sich der Großteil der Handlung ohnehin auf die Gegenwart und nicht auf die Vergangenheit konzentriert, aber da das Gefühl der Nostalgie später ein wichtiges handlungsbindendes Element darstellt, funktioniert die äußerst kurze Abhandlung über das bisherige Leben der Protagonist*innen auch nicht ganz so gut.

    Was jedoch durchwegs gut funktioniert, ist das Zusammenspiel der drei Hauptfiguren miteinander. Während jede von ihnen zwar einen eigenen Subplot aufweist, sind die Szenen, in denen sie gemeinsam auftreten, die, die das Herzstück des Films ausmachen. Das Trio Tse, Fung und Lam spielt nämlich, als wären sie nie getrennt voneinander gewesen. Die sonstigen Charaktere verblassen dagegen etwas, was vor allem bei Suet-Ying Chung schade ist, da die sich entwickelnde Beziehung zwischen Tsz-Ying und Chau sicherlich zu den interessanteren Aspekten des Films zählt. Aber auch hier wird man das Gefühl nicht los, dass der Erzählstrang bis zuletzt unterentwickelt bleibt. Insgesamt erscheint der Film auch ziemlich gehetzt, was vor allem dem schnellen Schnitt geschuldet ist und der ziemlich sprunghaften Erzählweise, die den gesamten Film durchzieht. Der chaotische Gesamteindruck, der dadurch entsteht, wird aber schnell wieder ausgemerzt, wenn Petrina Fung eines ihrer melancholischen Lieder in der alten Stammkneipe darbietet. Diese Szenen sind nicht nur schön anzusehen, sondern tragen auch dazu bei, dass der Nostalgie-Faktor dann teilweise doch ganz gut funktioniert. Wenn auch nicht durchgängig.

    Wie ist der Film nun also insgesamt zu bewerten? Manchmal ein bisschen kitschig, manchmal etwas zu bemüht, weiß „Time“ dank seiner charismatischen Darstellerriege letztendlich doch zu überzeugen. Aus der interessanten Prämisse, die dem neuesten Werk von Ricky Ko zugrunde liegt, hätte man wahrscheinlich insgesamt auch noch mehr herausholen können, wer allerdings auf eine unterhaltsame Oldies-Actionkomödie, die auch mal zu Tränen rührt, setzt, ist mit „Time“ sicherlich nicht schlecht bedient. Und für Fans des Hongkonger Kinos, das ja gerade aufgrund von verstärkten Filmzensuren eher negative Schlagzeilen macht, stellt sich der Film sicherlich als netter Nostalgietrip heraus.
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    (Marion Schlosser)
    24.06.2021
    11:52 Uhr