Filmkritik zu Poser

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Unknown Identity

    Exklusiv für Uncut vom Tribeca Film Festival
    Das beeindruckende Spielfilmdebüt des US-amerikanischen Regieduos Noah Dixon und Ori Segev „Poser“ feierte seine Weltpremiere am Tribeca Film Festival in der Schiene „US Narrative Competition“ und versammelt in seinem bunten Cast aus hauptsächlich nicht professionellen Schauspieler*innen, einen Teil der jungen Underground-Musikszene von Columbus, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Ohio.

    Mit ihren bunten Haaren und den übergroßen Kopfhörern wirkt die junge Lennon wie eine ganz normale hippe Szenegängerin. Bei genauerer Beobachtung fällt jedoch auf, dass Lennon mit niemanden zu reden scheint, völlig stoisch sitzt sie von Party zu Party allein und nimmt mit ihrem Handy Geräusche und Konversationen auf, die sie faszinierend findet. Zu Hause überspielt sie ihre Aufnahmen sorgfältig auf Kassettenbänder und hört sich diese immer wieder an. Dann beschließt Lennon ihrer eigenen Aussage zu Folge aus ihrer Komfortzone auszubrechen und beginnt für einen Podcast lokale Musiker*innen zu interviewen, die ihr die vielfältige und lebendige Musikszene in Columbus vor Augen führen. Besonders die aufregende Sängerin Bobbi Kitten, Frontfrau des Indie Pop-Duos „Damn the Witch Siren“, beeindruckt die schüchterne Lennon mit ihrer extrovertierten und einnehmenden Art sehr. Mit eiskalter Berechnung taucht Lennon immer wieder bei Veranstaltungen auf, wo sich auch Bobbi angekündigt hat, und siehe da: die beiden ungleichen Frauen werden ganz nach Lennons Plan tatsächlich Freunde. Folglich bemüht sich Lennon mit zunehmender Obsession mehr und mehr sich stückweise Bobbis Persönlichkeit anzueignen, bis hin zum Punkt, an dem sie selbst nicht mehr wirklich weiß, wer sie eigentlich ist.

    Während „Poser“ einerseits eine aufregende Liebeserklärung an die lokale Musiklandschaft in all ihren Facetten ist, zeichnet das Werk auf der anderen Seite die Skizze einer zutiefst von Selbstzweifeln zerfressenen Protagonistin, die so sehr ein Teil ihrer hippen Umgebung sein möchte, dass sie dabei in Kauf nimmt, sich selbst vollständig aufzugeben. Hauptdarstellerin Sylvie Mix (in ihrer ersten Schauspielrolle) porträtiert die wahnhafte Lennon auf solch zurückhaltende, unterkühlte und doch durchdringende Art und Weise, bei der einem augenblicklich bewusstwird, dass im Kopf ihrer Figur etwas gehörig falschlaufen muss. Lennon, die wie ein Chamäleon gekonnt in ihrer Umgebung verschwindet, gehört trotz ihrer Tarnung eben doch nie wirklich dazu.

    Vor allem die reale Kulisse der Hipster-Szene in Columbus bringt eine sehr wichtige Ebene der Authentizität in das Erstlingswerk, in kurzen, fragmentarischen Montagen werden dem Publikum zahlreiche Künstler*innen verschiedenster Genres und Strömungen vorgestellt.

    Obwohl der Film über weite Strecken hinweg als Drama kategorisiert werden könnte, begleitet uns über die Lauflänge des Films hinweg eine sehr düstere Grundstimmung, die im letzten Drittel schließlich überhand gewinnt und uns auf den schwerwiegenden Bruch in der Klimax des Films vorbereitet, die uns sehr deutliche Genre-Vibes vermittelt.

    Ein spannungsgeladenes, energisches Debüt, das uns nicht nur das talentierte Regie-Duo, sondern auch die großartige Hauptdarstellerin Sylvie Mix erstmals vorstellt und perfekt den heutigen Zeitgeist der Jugend- und Subkulturen einfängt.
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    (Julia Pogatetz)
    19.06.2021
    13:03 Uhr