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  • Bewertung

    Fremd im eigenen Körper

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Der Nachname Cronenberg ist in Hollywood gewiss kein unbekannter. Für große Werke des Genre-Kinos, wie unter anderem „Die Fliege“ (1986), „Videodrome“ (1983) oder „Scanners“ (1981), gilt Regisseur David Cronenberg nicht umsonst als Urvater des Body-Horror-Films. Dessen Sohn Brandon möchte nun in die großen Fußstapfen seines Vaters treten. Mit seinem erst zweiten Langfilm „Possessor“ (sein Debütwerk „Antiviral“ erntete bereits Lob) bespielte Cronenberg Junior im vergangenen Jahr zahlreiche prestigeträchtige (Genre-)Festivals rund um den Globus. Im Rahmen des alljährlich stattfindenden Slash ½ feierte der futuristische Schocker unlängst seine Österreich-Premiere.

    Nach außen hin führt Tasya Vos (Andrea Riseborough) ein überschaubares Leben. Ihre verfügbare Freizeit verbringt sie gemeinsam mit Mann Michael (Rossif Sutherland) und Sohn Ira (Gage Graham-Arbuthnot). Jedoch weiß selbst ihre eigene Familie nicht genau, was für einem außergewöhnlichen Job die junge Frau eigentlich nachgeht. In Wahrheit arbeitet Tasya nämlich als versierte Auftragskillerin für eine geheime Firma. Die Morde werden dabei aber nicht auf klassischem Weg ausgeführt. Nein, mithilfe einer Apparatur dringt sie in die Körper anderer Menschen, die der zu ermordenden Zielperson nahestehen, ein, um die Tat dadurch zu erleichtern. Eines Tages erhält sie von ihrer Arbeitgeberin Girder (Jennifer Jason Leigh) den Auftrag, den mächtigen Unternehmer John Parse (Sean Bean) und dessen Tochter Ava (Tuppence Middleton) aus dem Weg zu räumen. Um nicht aufzufallen, führt sie den Mord über den Körper von Avas Verlobten Colin Tate (Christopher Abbott) aus. Der jungen Attentäterin gelingt es aber nicht die Oberhand über Colins Körper zu behalten. Somit ringen zwei unterschiedliche Seelen im selben Körper um Kontrolle. Tasya, die in ihrem Job ohnehin großer mentaler Belastung ausgesetzt, steht kurz davor ihre eigene Identität zu verlieren.

    Mit „Possessor“ ist Brandon Cronenberg das rare Stück Genre-Kino gelungen, das auf verschiedensten Ebenen zu funktionieren weiß. Rein oberflächlich betrachtet kann der Film allein schon als astrein in Szene gesetzter Mix aus Sci-Fi-Espionage-Thriller und effektivem Body-Horror mit angemessen ekelerregenden praktischen Effekten genossen werden. Blickt man aber etwas genauer hinter die Fassade, bekommt man gar einen außerordentlich cleveren Horrorfilm geboten, der sich in seiner Intelligenz nicht mal vor den besten Werken von Papa Cronenberg zu verstecken braucht.

    Vordergründig wird der Verlust der eigenen Identität thematisiert. Die wahrgewordenen Alpträume sind hier keine klassischen Filmmonster, keine paranormalen Geschehnisse und keine Bluttaten. Nein, das Gefühl von Angst und Beklemmung, das Cronenberg Jr. hier gekonnt aufrecht erhält, ensteht aus Furcht davor, die Kontrolle über den eigenen Körper und Geist zu verlieren. Sind wir eigentlich noch wir selbst, wenn wir uns in Beruf und Leben kapitalistischer Interessen wegen fremdbestimmen lassen? Nebenbei werden auch Themen wie die emotionale Indifferenz in Zeiten der voranschreitenden Digitalisierung angeschnitten.

    Doch sind es schlussendlich neben der virtuosen Inszenierung die Schauspieler*innen, die die vielen Schichten des Horror-Wunderwerks bravourös zusammenhalten. Andrea Riseborough („Mandy“) und Christopher Abbott („It Comes At Night“) tragen den hochspannenden Kampf um das Bewusstsein ihrer jeweiligen Figuren bis ans bittere Ende ausgesprochen glaubhaft aus. Der immer gern gesehene Sean Bean weiß in einer kurzen Rolle als schäbiger Firmenboss zu glänzen, während die Oscar-nominierte Jennifer Jason Leigh („The Hateful Eight“) als Tasyas kühle Chefin Girder ebenfalls überzeugen kann.

    Brandon Cronenberg hat mit seinem erst zweiten Langfilm ein einzigartiges Genre-Werk geschaffen, das man in dieser Rasanz, Intelligenz und schieren Kreativität schon länger nicht mehr im Blut- und Beuschelkino bestaunen durfte.

    Subversiver Body-Horror nach bestem Cronenberg'schen Familienrezept. Der Papa darf stolz sein!