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    When Fandom meets Reality

    Exklusiv für Uncut vom International Film Festival Rotterdam
    Den über alles geliebten Filmstar im echten Leben treffen: die Erfüllung der sehnlichsten Träume oder doch vorprogrammierte Enttäuschung? Die philippinische Regisseurin Antoinette Jadaone hinterfragt genau dieses Szenario in ihrem neuesten Film „Fan Girl“; und wartet dabei nicht nur mit so manch erschreckendem Schlag in die Magengrube auf, sondern auch mit einer titelgebenden Hauptrolle, die, wie es scheint, nicht besser hätte besetzt werden können.

    Das Teenagermädchen Jane (Charlie Dizon) ist ein echtes „Fan Girl“. Im eigenen Zimmer stapeln sich Unmengen an Postern berühmter Filmstars und auch die Schule wird für eine Autogrammstunde schon mal geschwänzt. Für einen Schauspieler schwärmt Jane aber ganz besonders: Paulo Avelino (als er selbst), der gerade gemeinsam mit Schauspielkollegin Bea Alonzo (als sie selbst) den neuesten gemeinsamen Film promotet und dabei auch Janes Nachbarschaft einen Besuch abstattet. Als sich für Jane die Möglichkeit bietet, unbemerkt in Paulos Auto zu gelangen, überlegt diese nicht lange und versteckt sich kurzerhand auf der Ladefläche. So gelangt sie zu der verlassenen Villa, die der Filmstar nach dem Promotionsgig aufsucht. Wider Erwarten schickt Paulo sie jedoch nicht weg, sondern gewährt ihr einen Einblick in seine private Persona, wodurch schon bald eine gefährliche Dynamik entsteht. Es entbrennt ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zunehmend verschwimmen.

    In einem Zeitalter, in dem die Subkultur des „Fandoms“ so stark zelebriert wird, wie das heutzutage der Fall ist, stellt die filmische Auseinandersetzung mit dieser Thematik sicherlich ein sehr zeitgeistiges Unterfangen dar. „Fan Girl“ geht aber sogar noch weiter; Regisseurin Jadaone beschäftigt sich nämlich nicht „nur“ mit dem „Fan-Sein“ per se, sondern bettet diesen Einblick ein in ein Werk, welches den Bogen zwischen feinfühliger Sozialstudie und mysteriösem Drama zu spannen weiß und spielt dabei auch gleichzeitig mit metafiktionalen und träumerischen Inhalten.

    Interessant sind hierbei vor allem die verschiedenen Charaktere, die teilweise sich selbst spielen (oder zumindest eine Version ihrer Selbst). Allen voran Paulo Avelino, der hier nicht nur sein filmisches Alter Ego verkörpert, sondern dessen Rolle sich dabei auch nochmal aufspaltet in den Darsteller, die Privatperson und den in der Öffentlichkeit stehenden Menschen. Dies erfordert eine gewisse Komplexität, die Avelino auch zu vermitteln vermag. Als wahrer Glücksgriff stellt sich jedoch Hauptdarstellerin Charlie Dizon heraus, der es gelingt, ein facettenreiches Bild einer jungen Frau zu erschaffen, der man sowohl das quirlige, etwas aufdringliche Fangirl als auch die letztendlich in ihren Überzeugungen gefestigte, geläuterte junge Frau vollends abkauft.

    Und obwohl jede der beiden Figur schon für sich spannend zu beobachten ist, geht der eigentliche Reiz von der Symbiose zwischen Paulo und Jane aus. Am stärksten kommt diese dann zum Ausdruck, wenn sich die beiden gegenseitig ihre privaten Probleme offenbaren – zum Beispiel während eines Dialoges, der zu den stärksten Momenten des Films zählt. In einem Interview im Zuge des IFFR sprach die Regisseurin von einer „Beauty and the Beast“-Metapher, die sie bei der Konstruktion der Charaktere im Hinterkopf hatte, die zwar deutlich erkennbar ist, wobei für mich bei der Betrachtung der Figuren eher die Dualität der beiden im Vordergrund stand. Jane und Paulo stehen ohnehin in starkem Kontrast zueinander, sie weisen beide allerdings auch jeweils zwei gegensätzliche Seiten in ihren Charakterzügen auf. Gerade bei Paulo sind diese besonders deutlich auszumachen. Also statt Beauty and the Beast dann doch eher Dr. Jekyll und Mr. Hyde?

    Und es gibt ja auch noch ein weiteres wichtiges Element im Film, wenngleich es sich hier um keine Person handelt: der Schauplatz, an dem sich der Großteil der Handlung abspielt. Eine verlassene, abgelegene Villa am Stadtrand, weg vom Rummel der Großstadt und den damit einhergehenden Paparazzi und Fans; das ist eigentlich die perfekte Versinnbildlichung für den Rückzug aus dem Rampenlicht, nach dem sicherlich viele in der Öffentlichkeit stehende Personen streben. Klar erfolgt dort eine Art der Offenbarung. Und in gewisser Weise ist es auch ein Geisterhaus, begräbt es am Ende zumindest Janes Vorstellungen ihres Idols endgültig unter sich.

    Am Ende von „Fan Girl“ hat man jedenfalls, ohne bereits zu viel verraten zu wollen, viel zu verdauen. Gerade das macht den Film aber auch so sehenswert. Und Antoinette Jadaones sozialkritische Herangehensweise, mit der sie indirekt auch Fragen zu patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft aufwirft, ist ebenso spannend wie wichtig. Ihr nächstes Projekt soll übrigens ein Film über die Softcore-Porno-Industrie sein, bei dem sie sich abermals auf die Schattenseiten der Medienbranche konzentrieren will. Man darf gespannt sein!
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    (Marion Schlosser)
    09.06.2021
    23:41 Uhr