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  • Bewertung

    Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Im Normalfall ist es ein Zeichen von Empathie, Menschen in Not helfen zu wollen. Was aber, wenn die angestrebte Hilfe zum reinen Selbstzweck verkommt und im Endeffekt mehr Schaden anrichtet, als diesen verhindert? Das vom Psychoanalytiker Wolfgang Schmidlbauer ins Leben gerufene Helfersyndrom beschreibt eben diesen Umstand. „Me, We“, der erst zweite Langfilm des aus Paraguay stammenden österreichischen Regisseurs David Clay Diaz („Agonie“) widmet sich vier unterschiedlichen Personen, die dieser krankhaften Form angeblicher Nächstenliebe verfallen sind. Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit Autor Senad Halilbašić („7500“). Vordergründig werden in allen vier Geschichten Themen wie Migration oder Flucht behandelt – wenngleich die jeweiligen Standpunkte der Protagonist*innen kaum unterschiedlicher sein könnten.

    Da gäbe es zum Beispiel Marie (Verena Altenberger), die sich als freiwillige Mitarbeiterin einem NGO-Camp an der Küste von Lesbos anschließt, um dort mit dem Boot ankommende Flüchtende die nötige Erstversorgung zu bieten. Schnell muss sie aber realisieren, dass das Ganze ein weit größerer Kraftakt ist, als sie sich ursprünglich vorgestellt hat.

    Petra (Barbara Romaner) ist eine Fernsehredakteurin mittleren Alters, die den vermeintlich minderjährigen Flüchtling Mohammed (Mehdi Meskar) im Eigenheim aufnimmt und in die Gesellschaft integrieren möchte. Ihr bevormundendes Verhalten und der Umstand, dass sie dem jungen Flüchtenden kaum Freiheiten lässt, kreieren aber nur neue Probleme, anstatt alte vergessen zu machen.

    Auch Gerald (Lukas Miko) steht als Leiter eines Wiener Asylheims im unmittelbaren Kontakt zu Flüchtenden. Da das Bestehen der Unterkunft aufgrund mehrfacher Beschwerden aus der Nachbarschaft auf der Kippe steht, versucht er das Verhalten der Heimbewohner genau im Blickfeld zu behalten. Die Ankunft des schwer traumatisierten Aba (Wonderful Idowa) stellt den empathischen Heimleiter jedoch auf eine harte Geduldsprobe.

    Der Teenager Marcel (Alexander Srtschin) nimmt die stetige Zuwanderung hingegen als große Gefahr für Österreich wahr. Gemeinsam mit seinen proletoiden Freunden gründet er die selbstbetitelte „Schutzengel AG“, mithilfe derer sie Frauen Begleitschutz vor angeblich übergriffigen Migranten gewähren. Doch wollen Mädchen denn ausgerechnet von einer Gruppe halbstarker Burschen „beschützt“ werden?

    Die vier Episoden werden parallel zueinander erzählt und werfen spannende ethische Fragen auf. Was wenn gewisse Wohltaten nur dazu dienen, das eigene, privilegierte Gewissen zu bereinigen, anstatt Menschen in Not wirklich aktiv beistehen zu wollen? Dass karitative Tätigkeit, wenn sie nutznießerische Züge annimmt, auch ins Gegenteil umschlagen und neue Probleme kreieren kann, veranschaulicht David Clay Diaz in seinem Film mit drastischen Mitteln. Der White-Savior-Komplex der Protagonist*innen soll ihnen früher oder später noch zum Verhängnis werden.

    Das episodenhafte Drama begeistert mit einer lebhaften Inszenierung, die weitestgehend frei von Kitsch und emotionaler Manipulation bleibt. Musik kommt fast ausschließlich auf diegetischer Ebene zum Einsatz und wird im Film zum eigenen Charakter. Denkwürdig ist vor allem ein beschwingt in Szene gesetzter Moment, in dem während einer Wassertaufe voller Euphorie ein „Vater unser“ angestimmt wird. Die zwischenmenschlichen Spannungen, die sich im Laufe der einzelnen Geschichten auftun, bekommen durch den dynamischen Schnitt noch mehr Dringlichkeit und rohe emotionale Kraft verliehen. Die durchwegs überzeugende Darstellerriege tut dafür das Übrige.

    Gerade die beiden für ihre Rollen im vielfach preisgekrönten Drogendrama „Die beste aller Welten“ bekannten Lukas Miko und Verena Altenberger mimen den Hilfswillen und die schlussendliche Hilflosigkeit ihrer Figuren, als die Situation später ausweglos erscheint, mit großer Glaubwürdigkeit. Die als Flüchtende besetzte Newcomer Bagher Ahmadi und Wonderful Idowu verdienen sich für ihre kraftvollen Darbietungen ebenfalls eine lobende Erwähnung.

    Die generelle Qualität der Episoden variiert etwas. Die satirische Darstellung der kleinbürgerlichen Jugendgruppe, in der Vorurteile gegenüber Migranten und machoistisches Verhalten an der Tagesordnung stehen, darf wohl als der gelungenste Teil des Films bezeichnet werden. Clay Diaz und Halilbašić führen in dieser Episode anhand der von sich selbst eingenommenen Teenie-Gang unterhaltsam-überspitzt toxische Bilder von Männlichkeit vor. Zwar können die anderen Geschichten auch mit politischer Brisanz und tollen inszenatorischen Ideen überzeugen, fühlen sich im Finale aber nicht konsequent genug zu Ende gedacht an. Es schwingt gegen Ende eine gut gemeinte aber etwas naive Versöhnlichkeit mit, die der sonst relativ nuancierte Film nicht zwingend nötig gehabt hätte.

    Aller Widrigkeiten zum Trotz ist „Me, We“ ein aufwühlendes Episodendrama, das seine narrativen und politischen Unschlüssigkeiten durch eine virtuose Inszenierung und großartigem Schauspiel aller Beteiligten wieder wettmacht.

    Nervenaufreibendes und mutiges Kino aus Österreich!