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    It's David Byrne's world and we just live in it

    Exklusiv für Uncut
    David Byrne, seines Zeichens Begründer und Frontmann der legendären „Talking Heads“, hat sich bereits mehrfach als multitalentierter Künstler unter Beweis gestellt. Neben seiner Arbeit für die einflussreiche Gruppe der New-Wave-Bewegung durfte der britisch-amerikanische Musiker auch schon in anderen kreativen Disziplinen sein Können zeigen. Basierend auf seinem neuesten Solo-Album stellte Byrne Ende 2019 eine Bühnenshow mit dem Titel „American Utopia“ auf die Beine. Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 wurde die Musikshow, die sowohl Songs des gleichnamigen Albums als auch Evergreens der „Talking Heads“ beinhaltet, am Broadway aufgeführt. Unter der Regie von niemand geringerem als Oscar-Preisträger Spike Lee (u.a: „Do the Right Thing“, „Malcolm X“, „BlacKkKlansman“) wurde die Bühnenshow mit der Kamera begleitet und zum spektakulären Konzertfilm umfunktioniert.

    Obwohl der autistische Musiker langsam auf den Siebziger zugeht, ist Universalkünstler Byrne im Geiste jung geblieben. Ein Umstand, der in der 105-minütigen Aufnahme seines Musikstücks deutlich ersichtlich wird. Byrne macht sich seinen exzentrischen Songkatalog zu Nutze, um Optimismus zu versprühen und tagesaktuelle Themen – verpackt in musikalische Einlagen – anzusprechen. Begleitet wird er auf der Bühne von einem diversen Team aus Tänzer*innen und Instrumentalist*innen, die mit ihm gemeinsam in hypnotischer Symmetrie in Szene gesetzt wurden. Abseits der atemberaubenden Leistungen von Byrne und seiner in grauen Anzügen gekleideten Crew, beeindruckt die Show allein schon mit einem faszinierenden Lichtkonzept, das aufgrund des sonst so minimalistischen Bühnenbilds umso besser zur Geltung kommt. Zwischen den Song- und Tanzeinlagen wendet sich Byrne des Öfteren direkt ans Publikum, um persönliche Anekdoten zu erzählen. Am besten funktioniert „American Utopia“ dann, wenn Byrne die außerweltliche Kraft seiner Musik und seines liebenswert exzentrischen Daseins dazu verwendet, zwischenmenschliche Mauern niederzureißen und Brücken zu bauen. Mit seiner Performance zu „Everybody’s Coming To My House“ appelliert er unter anderem an die kulturelle Vielfalt der Menschen und zelebriert globale Einwanderungsgeschichte. Selbst allseits bekannte Talking-Heads-Hymnen wie „Once in A Lifetime“ oder „Road to Nowhere“ erstrahlen durch die politischen Züge der Show im neuen Glanz. Einer der ergreifendsten Momente der Aufnahme entsteht, als Byrne und seine Crew einen Song der afroamerikanischen Künstlerin Janelle Monae neu interpretieren und damit Opfern von rassistisch motivierter Polizeigewalt Tribut zollen.

    Am Ende des Tages zeichnet Byrnes im wahrsten Sinne des Wortes utopische Bühnenshow jedoch die hoffnungsvolle Vision einer Zukunft, in der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Sexualität zusammenkommen, um etwas Neues aufzubauen. Gerade in Zeiten, in denen heimische Konzerthallen wohl noch längere Zeit leer bleiben werden, bietet die abgefilmte Version von „American Utopia“ die passende Alternative.

    Ein überwältigendes Konzertfilmerlebnis, das einem in seiner immersiven Kraft den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen lässt!