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    Just Like In The Movies

    Exklusiv für Uncut vom SXSW
    Der Regisseur Wes Hurley kam im Jugendalter von der UdSSR nach Amerika; Coming-Out und Kulturschock inklusive. Seine damaligen Erlebnisse verarbeitete er sowohl in der 360 Grad VR-Dokumentation „Potato Dreams“ als auch in einem Kurzfilm namens „Little Potato“, für welchen er beim SXSW 2017 den Preis für den besten Kurz-Dokumentarfilm verliehen bekam. Nun, vier Jahre später, kehrte der Regisseur zum Festival zurück: in seinem ersten Langfilm widmete er sich erneut seiner eigenen Vergangenheit, dieses Mal jedoch in fiktionaler Form - und mit dem erweiterten Titel „Potato Dreams of America“.

    Vladivostok, 1985: Der junge Vasili (Hersh Powers), von allen nur Potato genannt, bewohnt gemeinsam mit seiner Mutter (Sera Barbieri) ein kleines Apartment und wünscht sich nichts sehnlicher als einen Farbfernseher. In der Schule ständig körperlicher Gewalt ausgesetzt, träumt er von einem Leben in den USA, wie er es aus den amerikanischen Filmen, die er so gerne sieht, kennt. Dieser Wunsch soll sich eines Tages auch erfüllen: weil die Mutter (Marya Sea Kaminski) auf die Heiratsannonce des strenggläubigen Amerikaners John (Dan Lauria) antwortet, können sie und der mittlerweile pubertierende Potato (Tyler Bocock) endlich in die USA auswandern. Doch auch das Leben in Amerika hat seine Tücken.

    Wenn man „Potato Dreams of America“ zum ersten Mal sieht, wundert man sich womöglich über die Aufspaltung in zweite Teile. Denn nicht nur die Grundstimmung wird sich im Laufe des Films komplett verändern, sondern auch die Inszenierung der jeweiligen Kapitel könnten unterschiedlicher nicht sein. Der erste Teil, der das Leben Potatos in der Sowjetunion schildert, erscheint dabei geradezu überstylisiert und stark satirisch ausgelegt zu sein. Der zweite Teil, der sein Leben in Amerika beinhaltet, wirkt hingegen deutlich reduzierter und in gewisser Weise auch realistischer. Warum das so ist, erfährt man zwar erst am Ende des Films, dass dies allerdings beabsichtigtes Mittel zu sein scheint, ist bereits von Beginn an klar.

    So mutet das sowjetische Kapitel geradezu märchenhaft an und vereint Genres wie Drama, Musical und Thriller miteinander. Dass hier auch nicht immer alles in rationalen Erklärungsmustern fußt, wird einem spätestens mit dem Auftauchen von Jesus Christus (Jonathan Bennett) klar, der äußerst gewitzt Potato bei allen möglichen Alltagssituationen Rede und Antwort steht. Und obwohl die hier geschilderten Erlebnisse alles andere als unbeschwert erscheinen, findet Hurley einen überraschend leichten Zugang zur Thematik, der die ernste Grundstimmung schnell auflockert.

    Beim amerikanischen Kapitel ändert sich dann abrupt die Art der Narration, was einem bereits bei der Ankunft am Flughafen bewusst wird. Wir befinden uns nun nicht mehr in einer Satire, sondern sind anscheinend in einem Coming-Of-Age-Film gelandet.
    In einem viel unaufgeregteren Ton als zuvor wird nun Potatos Phase des Einlebens in einem fremden Land thematisiert sowie sein Coming-Out. Hier lässt auch der ein oder andere Plottwist nicht lange auf sich warten, wobei vor allem ein Ereignis wie aus der Luft gegriffen erscheint. Obwohl dies eigentlich auf realen Begebenheiten basiert! Dieser Umstand dürfte vor allem Wes Hurleys Drehbuch geschuldet sein, dessen zuvor gut strukturierte Narration sich zum Ende hin bedauerlicherweise etwas verliert.

    Und während man den Eindruck hat, dass die beiden Teile, jeder für sich, schon sehr stimmig sind und eigentlich gut funktionieren, ist die Verknüpfung der einzelnen Kapitel leider nicht problemlos geglückt, da die Episoden nicht ganz so gut ineinandergreifen. Der Film wartet zwar auch mit einigen Stärken auf, sei es anhand der Besetzung (Lea DeLaria in der Rolle der strengen, sowjetischen Großmutter ist ein wahres Highlight!), der besonderen Ausstattung oder der originellen Dialoge, als Gesamtwerk funktioniert es allerdings nur bedingt. Man darf aber auf alle Fälle sehr gespannt sein, was man von Wes Hurley noch so alles zu sehen bekommen wird, denn bei „Potato Dreams of America“ handelt es sich zweifelsohne um ein sehr ambitioniertes Werk, welches mit einigen spannenden künstlerischen Einfällen und seinem frischen Zugang zur autobiographischen Thematik Interesse auf mehr macht!
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    (Marion Schlosser)
    27.03.2021
    09:37 Uhr