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  • Bewertung

    Gerechtigkeit für Zack Snyder

    Exklusiv für Uncut
    Alternative Schnittfassungen zu Filmen sind keine Rarität. Selten zuvor hat eine Regiefassung jedoch schon im Vorfeld so viel Aufsehen erregt wie Zack Snyders Director's Cut von „Justice League“. Die ursprüngliche Version des Films lief bereits im Spätherbst 2017 in den weltweiten Kinos an - die Kritiken waren damals aber noch vernichtend. Auch wir fanden in unserer UNCUT-Exklusivkritik kaum positive Worte für den ersten Leinwandauftritt der kultigen Gerechtigkeitsliga. Das DC Extended Universe (kurz DCEU) schien zum Scheitern verurteilt. Wie sich später herausstellte, hatte das in den Kinos veröffentlichte Endprodukt aber kaum etwas mit der eigentlichen Vision Snyders zu tun. Als dieser sich wegen dem plötzlichen Suizid seiner Tochter Autumn nicht mehr gänzlich dem Projekt widmen konnte, übernahm der mittlerweile verrufene „Avengers“-Regisseur Joss Whedon für den Rest der Produktion den Platz im Regiesessel. Obwohl Snyders Name trotzdem noch Vor- und Abspann der Kinofassung zierte, war seine sonst so erkennbare Handschrift in keiner Szene zu spüren. Whedon verwarf die meisten der eigentlichen Filmideen, schrieb 80 zusätzliche Drehbuchseiten und verwendete schlussendlich gerade mal 10% des von Snyder gefilmten Material. Das wollten die maßlos enttäuschten Fans natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Unter dem Hashtag #releasethesnydercut tat sich im Netz eine große Bewegung hervor, die Warner Bros. dazu aufforderte, die ursprüngliche Fassung des Comic-Blockbusters zu veröffentlichen. Und siehe da: der Druck der zugegeben nicht selten toxischen Fangemeinde hat sich ausgezahlt und Synder wurde durch die Streaming-Plattform HBO Max die Chance zuteil, seine eigentliche Vision des Films in die Tat umzusetzen. Das damals von Snyder aufgenommene (und bisher weitestgehend unveröffentlichte) Material und nun zum sage und schreibe vier Stunden langem Superhelden-Spektakel zusammengeschusterte Endprodukt (im Vergleich: die 2017er-Version war lediglich zwei Stunden lang) kann man sich hierzulande seit wenigen Wochen exklusiv auf Sky anschauen.

    Vieles hat sich geändert, die Prämisse bleibt im Grundkern aber dieselbe:
    Der Tod Supermans (Henry Cavill) zieht verheerende Konsequenzen für die Menschheit nach sich. Schon vor Tausenden von Jahren versuchte der außerirdische Schurke Darkseid (Ray Porter) mithilfe drei sogenannter Mutterboxen die Erde für sich zu erobern. Eine Allianz, die unter anderem aus Menschen, Atlantern und Amazonen bestand, konnte den Angriff noch gerade so vereiteln. Im Anschluss wurden die Boxen in den jeweiligen Reichen der drei zuvor genannten Völker versteckt. Durch den Todesschrei von Superman werden diese in der Gegenwart jedoch wieder reaktiviert, was zur Folge hat, dass Darkseid auf das Ableben des mächtigen Kryptoniers aufmerksam wird. Da ihm auf der Erde nun niemand mehr im Wege zu stehen scheint, begibt er sich zusammen mit seinem Handlanger Steppenwolf (Ciarán Hinds) und dessen Paradämonen auf die Suche nach den drei Mutterboxen. Mithilfe dieser möchte Darkseid den Planeten für sich einnehmen und sein eigenes Reich aufbauen. Um den schurkischen Machenschaften Einhalt zu gebieten, arbeitet Milliardär Bruce Wayne (Ben Affleck) - besser bekannt als der „dunkle Ritter“ Batman - an der Gründung eines Superhelden-Teams. Gemeinsam mit der Amazonen-Kriegerin Diana Prince alias Wonder Woman (Gal Gadot), dem superschnellen (und -exzentrischen) Studenten Barry Allen alias The Flash (Ezra Miller), dem Halb-Atlantaner Arthur Curry alias Aquaman (Jason Momoa) sowie dem mit technologisierten Körper ausgestatteten Victor Stone alias Cyborg (Ray Fisher) möchte Wayne das Böse bezwingen und Gerechtigkeit siegen lassen.
    Selbst die größten Kritiker*innen Snyders (denen der Autor dieser Kritik im Normalfall angehört) werden erkennen müssen, dass hier ein im Stil und Ton gänzlich anderer und auch deutlich besserer Film entstanden ist. Oft sind es genau die kleinen Unterschiede, die Großes bewirken. Wurde Whedons Schnittfassung noch zurecht für die fehlenden Charakterisierungen der neu dazugekommenen Heldenfiguren kritisiert, wird hier jedem Mitglied der „Justice League“ ein nötiges Maß an Tiefe geschenkt. Cyborg, der in der 2017er-Version zur zweidimensionalen Randfigur degradiert wurde, bildet im Snyder-Cut nun sogar den emotionalen Kern der Geschichte. Die Hintergrundgeschichte des ehemaligen College-Sportlers Victor Stone, der nach einem tragischen Autounfall kybernetisch rekonstruiert wurde und seither mehr Maschine als Mensch ist, wird eindringlich nacherzählt. Selbst der blitzschnelle Barry Allen alias The Flash, der der Kinofassung mit seinen peinlichen Sprüchen ausschließlich als Comic Relief diente, darf hier weit mehr sein als nur der Hampelmann. Generell muss positiv angemerkt werden, dass der juvenile und oft fehlplatzierte Humor, mit dem Joss Whedon die Kinofassung versehen hatte, nun glücklicherweise fast gar nicht mehr vorhanden ist. Der düstere Grundton, der in anderen Snyder-Produktionen oft erzwungen daherkam, fühlt sich hier die meiste Zeit über unerwartet verdient und stimmig an.

    Auch visuell gibt das vierstündige Superhelden-Epos weit mehr her, als der von einem grässlichen Zement-Farbton und halbgaren Computereffekten gezeichnete Whedon-Cut. Gerade in den anfänglichen Momenten auf Island überrascht Snyder mit einem für ihn ungewöhnlich bodenständigen Look, bei dem reale Locations und haptische Sets wundervoll in Szene gesetzt wurden, anstatt sich ausschließlich auf die künstliche Wunderkraft des Greenscreens zu verlassen. Obwohl sich der Film später auch auf mehr und weniger gelungenes CGI beruft, haben sich trotzdem mehrere ansehnliche Bildkompositionen eingeschlichen, die man in dieser Bildgewalt in einer vom unästhetischen MCU-Look gekennzeichneten Comicfilm-Landschaft kaum mehr zu Gesicht bekommt.

    Von einem wahrlich großartigen Film ist aber auch das Snyder-Upgrade von „Justice League“ weit entfernt. Die allermeisten der damaligen Probleme mögen zwar aus der Welt geräumt sein, dabei haben sich aber ein paar neue aufgetan. Ein paar nervige Zeitlupen und Supernahaufnahmen weniger hätten der Qualität des Endprodukts wahrlich gut getan. Auch mit schmalzigem Heldenpathos wird wieder nicht gegeizt, selbst wenn dieser hier deutlich besser zu funktionieren weiß als in den meisten der bisherigen Snyder-Produktionen. Wie es so oft bei Superhelden-Streifen der Fall ist, stellen auch hier die Bösewichte den großen Schwachpunkt dar. Während der Film in seinen kraftvollsten Momenten von menschlichem Drama vorangetrieben wird, bekommt man in den computergenerierten Szenen mit Darkseid und seinem Handlanger Steppenwolf das Gefühl, sich gerade die Cutscene eines Videospiels anzuschauen.

    Trotz der genannten Unzulänglichkeiten kann sich das Endprodukt aber definitiv sehen lassen. Zack Snyder ist das gelungen, was viele seiner größten Skeptiker*innen wohl nicht für möglich gehalten hätten: ein gelungenes Makeover einer filmischen Totalkatatastrophe, die als unrettbar galt. Die Fans sind zufrieden, Snyder durfte der Welt seine eigentliche Vision zeigen und Wunder sind wohl doch noch möglich. Die Gerechtigkeit hat gesiegt.