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    Exklusiv für Uncut
    Warum es sich bei Spider-Man um die wohl populärste Comic-Figur Marvels handelt, lässt sich einfach erklären. Im Gegensatz zu vielen anderen Superhelden handelt es sich bei Peter Parker um einen einfachen, nerdigen Jugendlichen aus der Arbeiterklasse, der nicht nur mit gefährlichen Superschurken sondern auch den alltäglichen Problemen eines jeden pubertierenden Teenagers konfrontiert wird. Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft bietet einiges mehr an Identifikationspotential, als übermächtige Muskelprotze aus dem All oder Milliardärs-Erben im Fledermaus-Kostüm. So manch ein Fan war daher enttäuscht, als mit Tom Holland eine neue Leinwand-Inkarnation der Spinne ins Bilde trat, der es in zahlreichen Belangen zu einfach gemacht wurde. Um die Figur dem gigantischen Marvel Cinematic Universe unterzuordnen, wurde Parker zum Protegé von niemand Geringerem als Tech-Milliardär Tony Stark (besser bekannt als Iron Man) gemacht und mit einer Reihe technischer Erneuerungen ausgestattet. Der Teenie-Herzschmerz war zwar weiterhin vorhanden, doch der neue Schnickschnack rundherum ließ den in seinem Naturell einfachen Peter Parker in einem anderen Licht erscheinen. Im passend betitelten „No Way Home“ lernt der modifizierte Peter Parker nun endlich, dass aus großer Kraft auch große Verantwortung folgt.

    Nachdem am Ende des Vorgängerfilms die wahre Identität Spider-Mans offengelegt wurde, muss Peter Parker sein verstecktes Doppelleben von einen auf den anderen Tag aufgeben. Um die Enthüllung seines lange Zeit gut gehüteten Geheimnisses wieder rückgängig zu machen, sucht er Hilfe bei seinem Avengers-Kollegen Doctor Strange (Benedict Cumberbatch). Mithilfe eines Zaubers soll Strange die Welt wieder vergessen lassen, dass Parker im Spinnenanzug steckt. Als Peter mit zusätzlichen Kommentaren den Zauberspruch zu sehr modifiziert, geht das erwünschte Vorhaben nach hinten los. Plötzlich erhält New York City schurkischen Besuch aus Paralleluniversen. Darunter befinden sich Superbösewichte wie der mit metallischen Greifarmen ausgestattete Doc Ock (Alfred Molina) oder der verrückt gewordene Wissenschaftler Norman Osborne (Willem Dafoe), der einst durch ein Experiment zum gefährlichen Grünen Kobold wurde. Sie alle haben nur ein Ziel vor Augen: Spider-Man aus den Weg zu räumen. Peter Parker muss sich also mehr denn je ins Zeug legen, um seinen neuen Gegenspielern das Handwerk zu legen und diese in ihre eigentlichen Universen zurückzubringen. Tatkräftige Unterstützung erhält er dabei von seiner geliebten Freundin M.J. (Zendaya), seinem besten Freund Ned (Jacob Batalon) und seiner Tante May (Marisa Tomei).

    Mit „No Way Home“ wagt Regisseur Jon Watts den Versuch, Bösewichte aus früheren „Spider-Man“-Filmen zurück ins Boot zu holen. Die durch den ersten Trailer bestätigte Rückkehr von Alfred Molinas Doc Ock sorgte im Vorfeld bereits für Jubelrufe unter Fans der umschwärmten Spidey-Trilogie von Querkopf Sam Raimi. Doch die Nostalgiewelle, auf der der Film reitet, ist noch deutlich größer, als es die meisten Comic-Liebhaber zu träumen wagten. Mit reichlich Fan-Service verbindet das Superhelden-Spektakel gekonnt drei Generationen an „Spider-Man“-Filmen. Der Nostalgiefaktor mag in einigen Momenten zugegeben etwas erzwungen daherkommen. Doch in dem Meer aus Meta-Referenzen und nostalgischen Anleihen wird zum Glück nicht verabsäumt, die Geschichte des aktuellen Peter Parker zufriedenstellend weiterzuführen. Gerade in den emotionalen Momenten wurde die Messlatte höher denn je gelegt. Humor aus der Kinderstube wird durch rohes Drama ersetzt, das zuweilen an den ehrlichen Pathos der Raimi-Filme zurückerinnert.

    Wie es bei Marvel so oft der Fall ist, stellen auch im neuesten Spider-Man-Abenteuer wieder die effektgeladenen Szenen die größte Schwachstelle dar. Die sterile Grau-in-Grau-Ästhetik, die im Marvel-Universum bereits zum Einheitslook verkommen ist, tut dem Film gewiss keinen Gefallen. Etwas mehr Farbe hätte dem multidimensionalen Comic-Spektakel mit Sicherheit gut getan. Wenn man sich inhaltlich schon zurück in die Vergangenheit bewegt, hätte man diese Zeitreise auch hinsichtlich der Inszenierung unternehmen sollen. Ein paar mehr Tipps aus dem Raimi-Handbuch hätten Wunder bewirkt. Ein Glück, dass die schwache Action und die artifiziellen Computereffekte von starken Charaktermomenten überschattet werden.

    Der Höhepunkt der bisherigen „Spider-Man“-Erzählkunst ist „Spider-Man: No Way Home“ bestimmt nicht. Dennoch bietet das neue Spidey-Abenteuer unterhaltsamen Superhelden-Bombast, begleitet von bittersüßer Nostalgie und emotional aufgeladenen Momenten. Hartgesottene Fans der Spinne werden in jedem Fall auf ihre Kosten kommen.