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    Something Wicked This Way Comes

    Exklusiv für Uncut vom SXSW
    Mit dem Begriff „Folk Horror“ kam der oder die ein oder andere bestimmt schon einmal in Berührung, aber was genau versteht man eigentlich darunter? Wie ja der Name bereits vermuten lässt, stellt die Folklore einen zentralen Bezugspunkt in den Filmen dieses Horror-Subgenres dar, aber wie sehen hier die Rahmenbedingungen aus und welche Filme kann man dazu zählen?

    Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Genrespezialistin Kier-La Janisse in ihrer äußerst umfangreichen Doku mit dem wohlklingenden Titel „Woodlands Dark and Days Bewitched: A History of Folk Horror“, welche von Severin Films produziert wurde und gerade ihre Premiere am SXSW 2021 feierte. Und die Antworten auf die eingangs gestellte Frage fallen gleich zu Beginn des Films äußerst vielfältig aus: Von „juxtaposition of the prosaic and uncanny“ über „the devil having a cup of tea with you“ zu „ancient wisdoms and rituals“ ist hier alles mit dabei.

    Anhand von sechs Kapiteln nähert sich Janisse daraufhin dem filmischen Subgenre auf äußerst eindrucksvolle Weise an. Die Regisseurin verknüpft nämlich nicht nur gekonnt Ausschnitte aus über 100 Filmen mit unzähligen Interviews und anschaulichem Archivmaterial, sondern schafft es auch, verschiedene aufgeworfene Diskurse schlüssig zueinander in Verbindung zu setzen. Umrahmt wird das Ganze von „special paper collage sequences“ (die der Regisseur Guy Maddin beisteuerte) und stimmungsvoller Musik, die bereits im Vorspann Lust auf den darauf folgenden Einblick ins Horrorgenre machen.

    Unterteilt in sechs Abschnitte, widmet sich Janisse in ihrem Debütfilm jeweils einem bestimmten Bereich im Kontext des jeweiligen übergeordneten Themas. Im ersten Teil liegt der Fokus auf den drei Filmen, die als die „Unholy Trinity“ bezeichnet werden und als Vorreiter des „Folk Horror“ gelten: Michael Reeves „Witchfinder General“, Piers Haggards „The Blood on Satan’s Claw“ und Robin Hardys „The Wicker Man“. Daran anknüpfend folgt ein Ausflug in die britische Filmlandschaft, wo vor allem die Filmreihe von BBC, „A Ghost Story for Christmas“, näher beleuchtet wird. Einem eigenen Kapitel ist daraufhin dem Heidentum und der Hexenkunst gewidmet, in dem Klassiker des Genres ebenso besprochen werden wie moderne Vertreter, wobei unter anderem Robert Eggers („The Witch“) zu Wort kommt. Nach einem eher kürzer gehaltenen Exkurs über den amerikanischen „Folk Horror“, bei dem vor allem die Siedlergeschichte und Literaturverfilmungen der Werke Stephen Kings oder H.P. Lovecrafts eine Rolle spielen, folgt eine globale Perspektive, in der weltweite „Folk Horror“ Filme und Phänomene genauer unter die Lupe genommen werden, u.a. „La Llorona“ (Lateinamerika) oder „Voodoo“ (Westafrika/Haiti). Den Abschluss bildet dann das Kapitel zu dem „Folk Horror Revival“, welches laut dem Filmhistoriker Jonathan Rigby mit dem 2009 erschienenen „Wake Wood“ eingeleitet wurde und in dem der „Folk Horror“ als ergiebiges Filmmotiv wiederentdeckt wurde.

    Wie man sieht, wenig wird in „Woodlands Dark and Days Bewitched: A History of Folk Horror“ nicht besprochen. Durch die gute Aufteilung und die informative Dichte wird es allerdings nie langweilig. Die Regisseurin schafft es nämlich, dass man bis zuletzt gespannt den Ausführungen über Legenden und Fabelwesen lauscht, wenngleich es auch zu einigen Ausschweifungen kommt, die man anhand der gebotenen informativen Dichte vermutlich gar nicht vermeiden kann. Bei einer Laufzeit von über drei Stunden werden die Sitzmuskeln zwar sicherlich nicht wenig beansprucht, aufgrund der interessanten Filmaufzählung und ansprechenden Inszenierung erscheint dies allerdings nicht sonderlich schlimm. Das ist sicherlich auch den beiden Cutter*innen Winnie Cheung und Benjamin Shearn zu verdanken, die den flüssigen Übergang zwischen den einzelnen Szenen immer aufrecht erhalten konnten.

    Bevor Kier-La Janisse ihren Platz im Regiestuhl einnahm, war sie als Produzentin, Kuratorin, Kritikerin, Podcasterin und Autorin im horrorspezifischen Filmbereich tätig und gründete u.a. das „Miskatonic Institute of Horror Studies“, in dem Masterclasses zu verschiedenen genrebezogenen Themen angeboten werden. Ihre Liebe zum Horrorfilm und besonders zum „Folk Horror“ ist in ihrem Debütfilm nur allzu spürbar. Man erhält darin nicht nur einen wahnsinnig gut recherchierten, äußerst vielfältigen filmischen Einblick in ein bisher wenig besprochenes Thema, sondern auch noch die ein oder andere Filmempfehlungen für die eigene Watchlist.

    „Woodlands Dark and Days Bewitched: A History of Folk Horror“ sei allen Fans von „Folk Horror“ wärmstens empfohlen – und auch jenen, die es noch werden wollen!
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    (Marion Schlosser)
    17.03.2021
    13:29 Uhr